Gibt es wirklich Lerntypen? Der Faktencheck zu visuell & auditiv
Artikel 10. August 2026

Gibt es wirklich Lerntypen? Der Faktencheck zu visuell & auditiv

Der Mythos der starren Lerntypen (VARK: visuell, auditiv, kinästhetisch) ist ein neurowissenschaftlich widerlegter Neuromythos. Kognitive Psychologie zeigt, dass die optimale Vermittlungsform vom Lerninhalt abhängt, nicht vom angeblichen Typ des Lernenden.

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Der Mythos der Lerntypen: Warum visuelle und auditive Lerner eine Illusion sind

1. Der Mythos: Was genau wird behauptet?

Wenn wir an unsere eigene Schulzeit zurückdenken, Weiterbildungskurse besuchen oder heute Kinder beim Lernen begleiten, begegnet uns eine Theorie mit scheinbar absoluter Gewissheit: Die Idee der sogenannten individuellen Lerntypen. Die zentral gestellte Behauptung lautet, dass jeder Mensch eine spezifische, im Gehirn verankerte Dominanz besitzt, wie er Informationen am effektivsten aufnimmt, verarbeitet und dauerhaft speichert.

Am weitesten verbreitet ist das sogenannte VAK- beziehungsweise VARK-Modell. Dieses klassifiziert Lernende in vier Hauptkategorien:

  • Visuelle Lerner: Nehmen Wissen am besten über Augen auf (Grafiken, Diagramme, Farbmarchierungen).
  • Auditive Lerner: Benötigen das gesprochene Wort (Vorträge, Diskussionen, Podcasts).
  • Lesende/Schreibende Lerner (Read/Write): Profitieren primär von gedrucktem Text und eigenen Notizen.
  • Kinästhetische Lerner: Verstehen Inhalte vor allem durch Bewegung, Anfassen und praktisches Ausprobieren.

Der Mythos beschränkt sich jedoch nicht auf die Feststellung persönlicher Neigungen, sondern gipfelt in einer weitreichenden didaktischen Forderung, der sogenannten Passungs-Hypothese (Meshing-Hypothese): Unterricht und Lernmaterialien müssten zwingend auf den jeweiligen Lerntyp zugeschnitten werden. Ein „auditiver“ Schüler, so die Annahme, gerate in einem textbasierten Unterricht in einen unvermeidbaren Nachteil, blühe jedoch auf, sobald man ihm denselben Lernstoff in Form eines Hörbuchs präsentiere. Ein „kinästhetisches“ Kind benötige Gegenstände zum Anfassen, um mathematische Gleichungen zu verstehen, während abstrakte Formeln an der Tafel wirkungslos blieben.

Diese Vorstellung ist im kollektiven Bewusstsein von Lehrkräften, Eltern und Lernenden tief verwurzelt. In zahlreichen Ratgebern und Fortbildungen wird sie als etablierter Grundsatz der Pädagogik dargestellt. Auf Video- und Social-Media-Plattformen finden sich zahllose Selbsttests, mit denen Lernende ihren angeblichen Lerntyp bestimmen sollen. Aus wissenschaftlicher Sicht handelt es sich hierbei jedoch um einen der persistentesten Neuromythen der modernen Bildungslandschaft – ein Konzept, das einer systematischen empirischen Überprüfung nicht standhält.


2. Der naturwissenschaftliche Faktencheck: Wie unser Gehirn wirklich lernt

Um die Hypothese der Lerntypen empirisch zu prüfen, hat die kognitionspsychologische Forschung exakte Kriterien definiert. Im Jahr 2008 veröffentlichte ein Team renommieter Psychologen und Neurowissenschaftler um Harold Pashler eine umfassende Evaluation der wissenschaftlichen Datenlage in der Fachzeitschrift Psychological Science in the Public Interest.

Die Fehlende Überkreuz-Interaktion (Crossover-Design)

Pashler und Kollegen arbeiteten heraus, welcher wissenschaftliche Beweis zwingend erforderlich wäre, um die Passungs-Hypothese zu stützen. Benötigt würde ein experimentelles Crossover-Design (Überkreuz-Versuchsaufbau). In einem solchen Experiment müssten Probanden zunächst nach ihren angeblichen Lerntypen (z. B. visuell vs. auditiv) diagnostiziert und anschließend zufällig zwei verschiedenen Lernbedingungen zugewiesen werden: einer visuellen und einer auditiven Aufbereitung desselben Lernstoffs.

Damit die Hypothese als bewiesen gilt, müsste eine statistische Wechselwirkung nachgewiesen werden: Die visuelle Gruppe müsste in der visuellen Lernbedingung signifikant besser abschneiden als in der auditiven und gleichzeitig müsste die auditive Gruppe in der auditiven Bedingung signifikant besser abschneiden als in der visuellen.

      Wissenschaftlich geforderte Passungs-Interaktion (Crossover-Design)
      
                               Unterrichtsmodalität
                               Visuell             Auditiv
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              Visueller  |  Hoher Lernerfolg | Niedriger Erfolg  |
              Lerntyp    |     (Optimal)     |   (Suboptimal)    |
                         +-------------------+-------------------+
              Auditiver  | Niedriger Erfolg  |  Hoher Lernerfolg |
              Lerntyp    |   (Suboptimal)    |     (Optimal)     |
                         +-------------------+-------------------+

      Ergebnis empirischer Studien: Verhilft eine Darstellungsform zu besserem 
      Verständnis, steigert sie den Lernerfolg bei ALLEN Probanden gleichermaßen!

Das Ergebnis der umfangreichen Literaturauswertung war eindeutig: Es existieren praktisch keine methodisch korrekten Studien, die diesen Crossover-Effekt nachweisen konnten. Wenn eine visuelle Aufbereitung das Verständnis verbesserte (beispielsweise bei räumlichen Zusammenhängen), profitierten alle Lernenden davon – völlig unabhängig davon, welchen Lerntyp sie im Fragebogen angegeben hatten.

Die Metapher der Postzustellung: Semantische Enkodierung

Warum versagt das Lerntypen-Modell auf kognitiver Ebene? Der Denkfehler liegt in einer Verwechslung zwischen den Sinneskanälen der Wahrnehmung und den Mechanismen der Speicherung im Langzeitgedächtnis.

Man kann sich die menschliche Informationsverarbeitung wie das Versenden eines Briefes vorstellen:

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|                        SINNESMODALITÄTEN                          |
|  [ Visueller Umschlag ]  [ Auditiver Umschlag ]  [ Haptischer U.] |
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                                  |
                                  v
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|                    DEKODIERUNG IM GEHIRN                          |
|             Extrahierung der Bedeutung (Semantik)                 |
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                                  |
                                  v
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|                     LANGZEITGEDÄCHTNIS                            |
|             Speicherung des inhaltsbezogenen Sinns                |
|          (Die Hülle des Umschlags wird nicht gespeichert)         |
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Wenn wir Informationen aufnehmen, dienen unsere Sinnesorgane (Augen, Ohren, Hände) lediglich als Transportwege – ähnlich wie der Briefumschlag. Was das Gehirn im Langzeitgedächtnis abspeichert, ist jedoch nicht die physikalische Beschaffenheit des Umschlags (die Klangfarbe der Stimme oder die Drucktinte auf dem Papier), sondern der semantische Gehalt – also die abstrakte Bedeutung des Inhalts. Wenn Sie eine Nachricht hören oder lesen, speichert Ihr Gehirn die logische Struktur des Gedankens ab, nicht die akustische Schwingung der Luftmoleküle.

Das Arbeitsgedächtnis und die Inhaltsmodalität

Nach dem renommierten Arbeitsgedächtnismodell von Alan Baddeley verarbeitet unser Gehirn visuell-räumliche Informationen (im visuell-räumlichen Skizzenblock) und sprachlich-akustische Informationen (in der phonologischen Schleife) in zwei getrennten, aber eng verknüpften Systemen. Diese Systeme arbeiten nicht gegeneinander, sondern ergänzen sich multisensorisch.

Die Entscheidung, welche Darstellungsform beim Lernen am effektivsten ist, hängt folglich nicht vom Lernenden ab, sondern vom Lerngegenstand:

  1. Geografische Lage: Das Erlernen der Lage von Ländern auf einer Weltkarte erfordert zwingend visuelle Medien. Eine rein mündliche Beschreibung benachteiligt alle Lernenden.
  2. Sprachliche Phonetik: Die korrekte Aussprache einer Fremdsprache lässt sich primär auditiv erlernen. Eine rein visuelle Darstellung ist unzureichend.
  3. Motorische Fertigkeiten: Das Erlernen einer chirurgischen Naht oder eines Musikinstruments erfordert motorische Praxis (kinästhetisch).

Jedes gesunde menschliche Gehirn ist darauf ausgelegt, Informationen über mehrere Sinneskanäle gleichzeitig aufzunehmen und zu integrieren.


3. Historischer Ursprung: Wie der Neuromythos entstand

Dass sich eine wissenschaftlich widerlegte Theorie derart dauerhaft in Bildungssystemen hält, hat historische und gesellschaftliche Gründe. Der Ursprung des Lerntypen-Konzepts geht auf die differenzielle Psychologie des 20. Jahrhunderts zurück, gewann jedoch in den 1970er und 1980er Jahren stark an Dynamik.

In dieser Epoche vollzog die Pädagogik einen bedeutsamen Wandel: Weg von starrem Frontalunterricht hin zu mehr Schülerzentrierung und individueller Förderung. In diesem Klima stieß die Idee, dass jedes Kind einen ganz eigenen, biologisch verankerten „Zugangsweg“ zur Bildung besitzt, auf breite Zustimmung.

Den entscheidenden Anstoß zur Massenverbreitung lieferte 1987 der neuseeländische Pädagoge Neil Fleming mit der Entwicklung des VARK-Fragebogens. Flemings ursprüngliches Anliegen war es, Lernenden eine Möglichkeit zur Selbstreflexion über ihre persönlichen Präferenzen zu geben und Lehrkräfte zu einer abwechslungsreicheren Unterrichtsgestaltung anzuregen.

Der Selbsttest verselbstständigte sich jedoch rasch. Aus einer subjektiven Vorliebe („Ich schaue mir lieber ein Video an als ein Buch zu lesen“) wurde fälschlicherweise eine unumstößliche kognitive Notwendigkeit abgeleitet („Ich kann Wissen nur über Videos verarbeiten“). Der feine Unterschied zwischen dem, was Lernende als angenehm empfinden, und dem, was nachweislich zu Lerneffizienz führt, ging in der praktischen Anwendung verloren.


4. Psychologische Hintergründe: Warum der Glaube daran bestehen bleibt

Dass Eltern, Lehrkräfte und Schüler weiterhin an Lerntypen glauben, ist verständlich und menschlich nachvollziehbar. Die Theorie besitzt Eigenschaften, die sie aus kognitionswissenschaftlicher Sicht außerordentlich plausibel erscheinen lassen.

1. Hohe intuitive Plausibilität

Es ist eine alltägliche Beobachtung, dass Menschen unterschiedlich sind. Ein Kind zeichnet gerne Strukturskizzen, ein anderes spricht Texte laut vor sich hin. Weil diese Verhaltensunterschiede sichtbar sind, liegt der Schluss nahe, dass ihnen unterschiedliche Gehirntypen zugrunde liegen. Dabei wird übersehen, dass es sich hierbei um angelernte Strategien und Gewohnheiten handelt, nicht um starre neuronale Verdrahtungen.

2. Der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Sobald eine Person einem Lerntyp zugeordnet wurde, greift der Bestätigungsfehler. Versteht ein vermeintlich „visueller“ Schüler eine Mathematikaufgabe anhand einer Skizze, wird dies sofort als Bestätigung des Lerntyps verbucht. Dass die Skizze auch jedem anderen Schüler geholfen hätte, bleibt unbeachtet.

3. Emotionale Entlastung bei Lernschwierigkeiten

Lernprozesse sind herausfordernd und mitunter von Misserfolgen begleitet. Wenn ein Kind in einem Fach Schwierigkeiten hat, entsteht Belastung für Schüler, Eltern und Lehrkräfte. Das Konzept der Lerntypen bietet hier eine empathische, entlastende Erklärung: Niemand hat Schuld, und das Kind ist nicht unbegabt – das Material war lediglich falsch aufbereitet. Diese Entlastungsfunktion macht den Mythos psychologisch attraktiv, da er Selbstwertgefühl schont und Konflikte entschärft.

4. Der Barnum-Effekt

Ähnlich wie bei Persönlichkeitstests oder Horoskopen sind die Beschreibungen der Lerntypen meist positiv und allgemein formuliert. Jeder Mensch findet Aspekte aller Typen in sich wieder, was das Gefühl persönlicher Stimmigkeit verstärkt.


5. Welche Risiken birgt der Mythos? (Gefahren & Ressourcenverschwendung)

Obwohl die Grundabsicht hinter dem Lerntypen-Konzept – die Wertschätzung individueller Lernender – positiv ist, führt das Festhalten an diesem Neuromythos in der Praxis zu unbeabsichtigten, negativen Konsequenzen.

                           DIE KASKADE DES LERNTYPEN-MYTHOS
                                          |
                                          v
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                    |  Falsche Diagnose ("Ich bin nur visuell")  |
                    +--------------------------------------------+
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                                          v
                    +--------------------------------------------+
                    |  Starres Selbstbild (Fixed Mindset)        |
                    +--------------------------------------------+
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                                          v
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                    | Vermeidungsverhalten gegenüber anderen     |
                    | Sinnesmodalitäten (z. B. Lesetexte)        |
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                    | Unnötiger Zeitaufwand & Fehlallokation     |
                    | pädagogischer Ressourcen                   |
                    +--------------------------------------------+

Starres Selbstbild und erlernte Hilflosigkeit (Fixed Mindset)

Erfährt ein Lernender frühzeitig eine Etikettierung als z. B. „reiner Hör-Typ“, kann dies zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung führen. Der Lernende neigt dazu, textbasierte oder visuelle Aufgaben zu meiden oder bei Schwierigkeiten vorzeitig aufzugeben („Ich kann das nicht, ich bin schließlich kein visueller Typ“). Dies behindert die Entwicklung vielseitiger Lernstrategien und stärkt ein statisches Selbstbild.

Vernachlässigung notwendiger Kompetenzen

Im alltäglichen Leben und Beruf ist die Beschränkung auf eine bevorzugte Sinnesmodalität unmöglich. Wer das Lesen komplexer Fachtexte vermeidet, weil er sich als „auditiv“ definiert, entzieht sich der Chance, essenzielle analytische Fähigkeiten zu trainieren.

Fehlallokation von Ressourcen im Bildungssystem

Wie Philip Newton 2015 in Frontiers in Psychology nachwies, ist der Glauben an Lerntypen in Schulen und Hochschulen nach wie vor weit verbreitet. Lehrkräfte investieren oft erhebliche Zeit darin, Unterrichtsmaterialien in vierfacher Ausführung vorzubereiten. Diese Arbeitszeit fehlt anschließend für den Einsatz nachweislich wirksamer, evidenzbasierter Unterrichtsmethoden.

Der kommerzielle Markt

Rund um das Lerntypen-Konzept ist ein umfangreicher Markt für Diagnosetools, kommerzielle Nachhilfeangebote und Lehrmaterialien entstanden. Geld und Zeit, die in unbestätigte Klassifizierungssysteme fließen, stehen für wissenschaftlich fundierte Fördermaßnahmen nicht mehr zur Verfügung.


6. Evidenzbasierte Alternativen: Wie erfolgreiches Lernen wirklich funktioniert

Die Kognitionspsychologie und die Bildungsneurowissenschaften haben in den letzten Jahrzehnten fundierte Methoden identifiziert, die den Lernerfolg nachweislich steigern – und zwar für alle Lernenden.

Dual-Coding-Theorie (Allan Paivio)

Anstelle von Monomedien setzt die moderne Kognitionsforschung auf Dual Coding (Doppelte Kodierung). Der Psychologe Allan Paivio zeigte bereits in den 1980er Jahren, dass das Gehirn Informationen besonders dauerhaft speichert, wenn verbale und visuelle Signale sinnvoll miteinander verknüpft werden.

                 [ INTEGRATIVE LERNIMPULSE ]
                              |
           +------------------+------------------+
           |                                     |
           v                                     v
 +--------------------+                 +--------------------+
 |   VERBALER KANAL   |                 | VISUELLER KANAL    |
 | (Wörter, Texte,    |                 | (Skizzen, Grafiken,|
 |  Erklärungen)      |                 |  Diagramme)        |
 +--------------------+                 +--------------------+
           |                                     |
           v                                     v
 +--------------------+                 +--------------------+
 | Verbale Repräsen-  |                 | Visuelle Repräsen- |
 | tationsstrukturen  |                 | tationsstrukturen  |
 +--------------------+                 +--------------------+
           |                                     |
           +------------------+------------------+
                              |
                              v
             +----------------------------------+
             | INTEGRIERTES SEMANTISCHES NETZ   |
             | (Zweifache Verankerung im Gehirn)|
             +----------------------------------+

Ein Schaubild allein ist oft abstrakt; ein reiner Text ist schwer zu strukturieren. Werden jedoch eine anschauliche Grafik und eine präzise sprachliche Erklärung kombiniert, entstehen im Gehirn doppelte Verknüpfungspfade, die den späteren Abruf erheblich erleichtern.

Erwünschte Erschwernisse (Desirable Difficulties)

Die Gedächtnisforscher Robert und Elizabeth Bjork zeigten, dass nachhaltiges Lernen Anstrengung erfordert. Methoden, die sich leicht anfühlen (wie das reine Wiederlesen von Unterlagen), erzeugen oft nur eine Illusion des Wissens. Wirksam sind dagegen:

  1. Aktives Abrufen (Retrieval Practice): Sich selbst testen, Karteikarten nutzen oder Inhalte frei aufschreiben. Das aktive Hervorholen von Informationen aus dem Gedächtnis stärkt die neuronalen Verbindungen.
  2. Verteiltes Lernen (Spaced Practice): Das Lernen über mehrere Tage oder Wochen aufzuteilen, statt am Tag vor der Prüfung intensiv zu büffeln.
  3. Abwechslungsreiches Üben (Interleaving): Verschiedene Aufgabentypen im Wechsel zu üben, anstatt lange Blockübungen desselben Typs durchzuführen.

Kognitive Belastungstheorie (Cognitive Load Theory nach John Sweller)

Lernmaterial sollte so gestaltet sein, dass die Arbeitsgedächtniskapazität optimal genutzt wird. Unnötige Ablenkungen (extranöser Cognitive Load) müssen reduziert werden, während die inhaltliche Verarbeitung (germane Cognitive Load) gezielt gefördert wird.


7. Fazit & Empfehlungen für die Praxis

Die Erkenntnis, dass starre Lerntypen nicht existieren, ist kein Verlust, sondern eine große Befreiung. Sie entlastet Lernende von künstlichen Leistungsgrenzen und befreit Lehrende vom Zwang, Unterrichtsmaterialien künstlich zu vervielfachen.

Empfehlungen für Lernende und Eltern:

  • Keine Schubladen: Lassen Sie sich oder Ihre Kinder nicht auf eine einzelne Wahrnehmungsform festlegen. Das menschliche Gehirn ist extrem anpassungsfähig.
  • Medienvielfalt nutzen: Verwenden Sie Kombinationen aus Texten, Abbildungen und praktischen Übungen, um Lerninhalte von mehreren Seiten zu beleuchten.
  • Aktive Methoden bevorzugen: Setzen Sie auf aktives Testen und verteiltes Lernen anstelle passiven Konsums.

Empfehlungen für Lehrende:

  • Orientierung am Inhalt: Wählen Sie die Darstellungsform nach den Erfordernissen des Fachinhalts aus (z. B. Karten für Geografie, Audio für Aussprache, Texte für Argumentationen).
  • Dual Coding einsetzen: Kombinieren Sie gesprochene Sprache und visuelle Darstellungen systematisch im Unterricht.
  • Methodenvielfalt für alle: Bieten Sie allen Schülerinnen und Schülern abwechslungsreiche Zugänge an, anstatt Gruppen nach vermeintlichen Lerntypen zu trennen.

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Quellen & Publikationen

  • Bjork EL, Bjork RA.(2011).Making Things Hard on Yourself, But in a Good Way: Creating Desirable Difficulties to Enhance Learning.Psychology and the Real World: Fabricating Applications of Psychological Science. Link . Grund für Verlinkung: Diese Veröffentlichung belegt in Abschnitt 6 das Prinzip der erwünschten Erschwernisse (Desirable Difficulties) nach Robert und Elizabeth Bjork. Sie zeigt empirisch, dass nachhaltiges Lernen kognitive Anstrengung erfordert und effektive Methoden wie aktives Abrufen (Retrieval Practice), verteiltes Lernen (Spaced Practice) und abwechslungsreiches Üben (Interleaving) den Lernerfolg signifikant steigern. Dadurch untermauert sie die wissenschaftlich fundierten Alternativen zum wirkungslosen Lerntypen-Konzept.
  • Fleming ND, Mills C.(1992).Not Another Inventory, Rather a Catalyst for Reflection.To Improve the Academy. DOI: 10.1002/j.2334-4822.1992.tb00213.x. Grund für Verlinkung: Diese Publikation wird in Abschnitt 3 zitiert, um den historischen Ursprung des VARK-Fragebogens durch Neil Fleming und Colleen Mills im Jahr 1987/1992 zu belegen. Die Autoren entwickelten das Instrument ursprünglich als Werkzeug zur Selbstreflexion über persönliche Lernpräferenzen und nicht als kognitionswissenschaftliche Diagnose starrer Lerntypen. Sie begründet das Missverständnis, durch das aus subjektiven Vorlieben fälschlicherweise biologische Notwendigkeiten abgeleitet wurden.
  • Newton PM.(2015).The Learning Styles Myth is Thriving in Higher Education.Frontiers in Psychology. DOI: 10.3389/fpsyg.2015.01908. PMID: 26696947. Grund für Verlinkung: Diese Studie wird in Abschnitt 5 zitiert, um die ungebrochene, weltweite Verbreitung des Lerntypen-Mythos in Schulen und Hochschulen empirisch zu belegen. Sie zeigt auf, dass ein Großteil der Lehrenden trotz fehlender empirischer Evidenz weiterhin an das Konzept glaubt und erhebliche zeitliche wie finanzielle Ressourcen in die Erstellung typspezifischer Unterrichtsmaterialien investiert. Damit begründet die Quelle die Warnung vor der Fehlallokation pädagogischer Ressourcen im Bildungssystem.
  • Paivio A.(1986).Mental Representations: A Dual Coding Approach.Oxford University Press. ISBN: 978-0195039368. Link . Grund für Verlinkung: Dieses Grundlagenwerk dient in Abschnitt 6 als theoretischer Beleg für die Dual-Coding-Theorie (Doppelte Kodierung) nach Allan Paivio. Es erklärt, dass das menschliche Gehirn visuelle und sprachlich-verbale Informationen über zwei getrennte, aber miteinander verknüpfte Systeme verarbeitet. Die Referenz begründet, weshalb eine Kombination aus anschaulichen Grafiken und präzisen sprachlichen Erklärungen den Lernerfolg bei allen Lernenden nachhaltig verbessert.
  • Sweller J.(1988).Cognitive Load During Problem Solving: Effects on Learning.Cognitive Science. DOI: 10.1207/s15516709cog1202_4. Grund für Verlinkung: Diese Studie begründet in Abschnitt 6 die Kognitive Belastungstheorie (Cognitive Load Theory) von John Sweller. Sie weist nach, dass die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses durch Verminderung sachfremder Belastungen (extranöser Load) und gezielte Förderung der inhaltlichen Verarbeitung (germane Load) optimal genutzt werden muss. Damit stützt sie die Forderung nach einer inhaltsorientierten Aufbereitung von Lernmaterialien statt einer Fixierung auf angeblich typspezifische Sinneskanäle.
  • Macdonald K, Germine L, Anderson A, Christodoulou J, McGrath LM.(2017).Dispelling the Myth: Training in Education or Neuroscience Decreases but Does Not Eliminate Beliefs in Neuromyths.Frontiers in Psychology. DOI: 10.3389/fpsyg.2017.01314. PMID: 28848461. Grund für Verlinkung: Diese Kohortenstudie belegt in den Abschnitten 1 und 4 die Persistenz von Neuromythen in der Allgemeinbevölkerung sowie unter Pädagogen und Personen mit neurowissenschaftlicher Ausbildung. Die Ergebnisse zeigen, dass fachspezifisches Wissen den Glauben an Mythen wie die starren Lerntypen zwar reduziert, aber keineswegs vollständig eliminiert. Sie stützt somit die Ausführungen zur hohen intuitiven Plausibilität und psychologischen Attraktivität des Lerntypen-Konzepts.
  • Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D., & Bjork, R..(2008).Learning Styles: Concepts and Evidence.Psychological Science in the Public Interest. DOI: 10.1111/j.1539-6053.2009.01038.x. PMID: 26162104. Grund für Verlinkung: Diese meta-analytische Übersichtsarbeit belegt in Abschnitt 2 das Fehlen wissenschaftlicher Belege für die Passungs-Hypothese (Meshing-Hypothese) bei Lerntypen. Die Autoren weisen nach, dass zur methodisch validen Stützung der Theorie ein experimentelles Crossover-Design erforderlich ist, welches in empirischen Untersuchungen jedoch keine statistische Wechselwirkung zugunsten individueller Lerntypen zeigt. Sie belegt damit wissenschaftlich, dass die Anpassung von Lehrmethoden an angebliche visuelle oder auditive Lerntypen den Lernerfolg nicht steigert.

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