Geistiges Heilen im Faktencheck: Mythen, Evidenz & Risiken
Artikel 10. August 2026

Geistiges Heilen im Faktencheck: Mythen, Evidenz & Risiken

Geistiges Heilen umfasst Verfahren wie Handauflegen, Reiki und spirituelle Heilung, die angeblich feinstoffliche Lebensenergien kanalisieren. Physikalisch existiert kein solches Energiefeld. Cochrane-Reviews und Studien zeigen keine Wirksamkeit über den Placebo-Effekt hinaus, während die Verzögerung evidenzbasierter Behandlungen Lebensgefahr birgt.

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Dieser Artikel klärt über Mythen auf. Wenn du medizinische Hilfe benötigst, wende dich bitte an evidenzbasierte Ärzte oder Therapeuten.

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Geistiges Heilen: Anspruch, Evidenz und medizinische Realität

Einleitung

Die Sehnsucht nach Heilung, Geborgenheit und Hoffnung im Krankheitsfall ist eines der tiefsten menschlichen Bedürfnisse. Wenn die moderne Medizin mit ihren Apparaten, der Fachsprache und standardisierten Protokollen als zu technisch, kalt oder unpersönlich empfunden wird, suchen viele Menschen nach sanfteren, ganzheitlicheren Wegen. Geistiges Heilen – ob in Form von Handauflegen, Reiki oder energetischen Fernbehandlungen – begegnet genau diesem existentiellen Bedürfnis. Praktizierende nehmen sich oft viel Zeit, hören empathisch zu und vermitteln das Gefühl, den Menschen auf einer tiefen, spirituellen Ebene in all seinen Sorgen zu verstehen.

Obwohl solche Methoden in der Bevölkerung großen Zuspruch finden und für das subjektive Wohlbefinden vieler Menschen eine wichtige Rolle spielen, werden sie von der evidenzbasierten Medizin (EBM) und den Naturwissenschaften sehr kritisch betrachtet. Dieser Artikel widmet sich der sensiblen Aufgabe, die verschiedenen Formen des geistigen Heilens verständlich zu erklären, ihre postulierte Wirkungsweise objektiv mit dem aktuellen Stand der Forschung abzugleichen und aufzuzeigen, wie wertvoll menschliche Zuwendung einerseits ist, welche Risiken jedoch andererseits entstehen können, wenn evidenzbasierte medizinische Therapien verzögert werden.

1. Was ist geistiges Heilen? Formen und historische Wurzeln

Geistiges Heilen ist kein rechtlich geschützter Begriff, sondern vielmehr ein Überbegriff für eine Vielzahl sehr unterschiedlicher alternativmedizinischer und esoterischer Praktiken. All diesen Ansätzen ist gemein, dass sie davon ausgehen, die Heilung des Körpers werde primär durch eine nicht-physische, energetische oder spirituelle Kraft initiiert, die von außen auf den Patienten übertragen wird.

Zu den verbreitetsten Formen gehören:

  • Reiki: Eine Anfang des 20. Jahrhunderts in Japan von Mikao Usui entwickelte Methode. Praktizierende gehen davon aus, dass sie als "Kanal" für eine universelle, unerschöpfliche Lebensenergie (Ki) dienen. Durch das Auflegen der Hände auf oder leicht über den Körper des Patienten soll diese Energie in die Energiezentren fließen und Blockaden lösen.
  • Therapeutic Touch (Therapeutische Berührung): Diese in den 1970er Jahren vor allem in der amerikanischen Pflege etablierte Methode kommt interessanterweise meist ohne direkte körperliche Berührung aus. Die Behandelnden streichen mit den Händen im Abstand von einigen Zentimetern über den Körper, um Störungen im sogenannten "menschlichen Energiefeld" (auch Biofeld genannt) zu erspüren und durch wischende Bewegungen zu harmonisieren.
  • Fernheilung und Fürbitte (Intercessory Prayer): Hierbei geht es um Heilversuche über räumliche Distanz. Dies reicht vom klassischen stellvertretenden Gebet für Erkrankte in religiösen Traditionen bis hin zu esoterischen Heilern, die behaupten, energetische Impulse über das Telefon oder durch intensive Meditation an den Patienten senden zu können.
  • Prana-Heilung und schamanistische Ansätze: Diese basieren oft auf Konzepten aus der traditionellen indischen, fernöstlichen oder indigenen Kultur, bei denen beispielsweise Chakren (Energiezentren) gereinigt oder die spirituelle Verbindung zu Ahnen gestärkt werden soll.

Historisch betrachtet sind solche Vorstellungen tief im Menschen verwurzelt. Bis zur Aufklärung und dem Beginn der modernen Naturwissenschaft waren Glaube, Spiritualität und Medizin untrennbar miteinander verbunden. Krankheiten wurden oft als Ungleichgewicht körperlicher Säfte, als göttliche Prüfung oder als Störung der Harmonie gedeutet. Heutzutage hat sich das geistige Heilen jedoch stark gewandelt. Um in einer modern geprägten Welt anschlussfähig zu bleiben, werden heute häufig Begriffe aus der Physik entlehnt (wie z. B. "Quantenfeld", "Schwingungsfrequenz", "Resonanz" oder "Energiearbeit"), wenngleich diese Begriffe aus Sicht der akademischen Physik in diesem Zusammenhang entfremdet werden.

In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2004 übrigens eine wegweisende Entscheidung getroffen (die sogenannte "Geistheiler-Entscheidung"): Heiler benötigen keine ärztliche oder heilpraktische Erlaubnis, solange sie keine Diagnosen stellen und ihre Patienten vorab deutlich darauf hinweisen, dass ihre Tätigkeit eine ärztliche Behandlung keinesfalls ersetzt. Diese klare rechtliche Trennung weicht in der emotionalen Praxis jedoch oft auf.

2. Das Konzept: Wie geistiges Heilen wirken soll

Um die Perspektive der Behandelnden und Hilfesuchenden zu verstehen, hilft die abstrakte Vorstellung eines energetischen Körpers. Stellen Sie sich den menschlichen Körper nicht in erster Linie als komplexe biochemische Maschine aus Zellen und Organen vor, sondern als ein fein gewebtes Netz aus Energiebahnen.

[ Metapher: Das unsichtbare Netzwerk der Energie ]

Gesunder Zustand:            Krankheitszustand:             Heilungsprozess:
=================            ==================             ================
 
 ──► ──► ──► ──►             ──► ──► ──X                    ──► ──► ──► ──►
 Harmonischer,               Energetische Blockade          Energiefluss wird 
 ungestörter Fluss der       im Netzwerk (Symptom/          durch den Heiler 
 universellen Lebensenergie  Krankheit manifestiert sich)   wiederhergestellt

In diesem alternativen Erklärungsmodell ist der grobstoffliche (physische) Körper dem feinstofflichen (energetischen) Körper stets nachgelagert. Ein Heiler versucht also nicht, die sichtbare physische Ursache (wie etwa einen bakteriellen Erreger oder verändertes Krebsgewebe) direkt zu bekämpfen. Stattdessen arbeitet er auf der vermeintlich übergeordneten, energetischen Ebene, um die zugrunde liegende Blockade aufzulösen.

  • Die Vermittler-Rolle: Die allermeisten Heiler betonen demütig, dass nicht sie selbst die Heilung vollbringen. Sie betrachten sich lediglich als ein offenes "Gefäß" oder einen Katalysator, der die universelle Heilenergie bündelt und dem Patienten übergibt, um dessen eigene Selbstheilungskräfte zu aktivieren.
  • Überwindung von Raum und Zeit: Da diese postulierte Energie von Heilerseite als universell und unabhängig von physischen Gesetzen betrachtet wird, ergibt sich aus dieser Logik auch das Konzept der Fernheilung. Geistige Intentionen sollen den Empfänger überall erreichen können.

Dies ist ein für viele Menschen sehr tröstliches, intuitives und friedvolles Konzept. Es verspricht eine ursächliche Heilung auf sanftem Weg, ohne invasive Eingriffe und gibt dem Betroffenen das Gefühl, in eine größere, wohlwollende und sinnstiftende Ordnung eingebettet zu sein.

3. Die wissenschaftliche und medizinische Faktenlage

Die Naturwissenschaft und die evidenzbasierte Medizin fordern objektive, wiederholbare Beweise (Evidenz) für angenommene Wirkmechanismen, um sicherzustellen, dass Methoden verlässlich und sicher sind. Untersucht man das geistige Heilen mit diesen neutralen und strengen Maßstäben, zeigt sich ein sehr klares Bild, das die Existenz der postulierten Energiefelder nicht bestätigen kann.

Aus physikalischer und biologischer Sicht existieren bis heute keine Instrumente, Sensoren oder Messmethoden, die feinstoffliche Energiefelder, Auren oder Lebensenergien (wie Qi oder Prana) detektieren könnten. Da diese Felder physikalisch nicht beschrieben werden können, fehlt ein naturwissenschaftlich plausibler Mechanismus, wie sie gezielt mit menschlichen Zellen interagieren oder diese heilen sollten.

Dennoch stellt sich eine wichtige Forschungsfrage: Selbst wenn Maschinen die Felder nicht messen können – könnten feinfühlige Menschen sie vielleicht doch erspüren?

Das Emily-Rosa-Experiment

Zur Klärung dieser Frage wurde ein sehr bekanntes und aufschlussreiches Experiment durchgeführt. Im Jahr 1998 veröffentlichte das hochangesehene Fachjournal JAMA eine Studie der damals erst neunjährigen Schülerin Emily Rosa. Sie konzipierte für ein Schulprojekt einen Test, um zu prüfen, ob Praktizierende des Therapeutic Touch die menschliche Aura tatsächlich mit ihren Händen spüren können.

Der Versuchsaufbau war methodisch hochpräzise und fair:

[ Das Emily-Rosa-Experiment (Prüfung der Aura-Wahrnehmung) ]

              Praktizierender (Therapeutic Touch)
                 legt Hände durch einen Sichtschutz
                               |
   ========================================================= (Blickdichter Sichtschutz)
                 ?             |             ?
            [ Hand A ]         |        [ Hand B ]
                               |
             (Emily hält ihre eigene Hand lautlos und 
              per Zufallsprinzip entweder über Hand A oder B)

Aufgabe: Der Heiler soll erspüren, wo das Energiefeld (die Aura) konzentriert ist.
Ergebnis: Die Trefferquote lag bei nur 44 %.

Statistisch gesehen entspricht ein Ergebnis um die 50 % dem reinen Zufall (wie beim Werfen einer Münze). Dass die Trefferquote der 21 erfahrenen Behandler über hunderte von Durchgängen hinweg sogar leicht darunterlag, demonstrierte auf sehr direkte Weise, dass die Wahrnehmung von Energiefeldern unter kontrollierten Bedingungen nicht reproduzierbar ist. Die Behandelnden konnten nicht spüren, ob sich ein Mensch unter ihrer Hand befand oder nicht.

Was sagen große Meta-Analysen (Cochrane)?

Das unabhängige Cochrane-Netzwerk bündelt und bewertet medizinische Forschung weltweit und gilt als sogenannter "Goldstandard" der Auswertung. Auch hier ist die wissenschaftliche Befundlage eindeutig:

  1. Therapeutic Touch bei Wundheilung: Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass es keine verlässliche Evidenz dafür gibt, dass diese Praktik Wundheilungsprozesse beschleunigt.
  2. Reiki: Bei starken psychischen Belastungen wie klinischen Ängsten und Depressionen konnte in streng verblindeten Studien kein therapeutischer Effekt nachgewiesen werden, der über den Placebo-Effekt hinausgeht.
  3. Fürbitte (Intercessory Prayer): In groß angelegten Studien wurde untersucht, ob das Gebet von Fremden für Krankenhauspatienten deren Genesung positiv beeinflusst. Der umfassende Cochrane-Review kam zu dem Ergebnis, dass kein klinisch messbarer, medizinischer Unterschied in der Heilungsrate festzustellen war. Eine berühmte amerikanische kardiologische Untersuchung (STEP-Studie) zeigte bei Herz-Bypass-Patienten, für die gebetet wurde, ebenfalls keine körperliche Besserung. Überraschenderweise wiesen Patienten, die explizit wussten, dass Fremde für sie beten, sogar eine leicht erhöhte Rate an harmlosen postoperativen Komplikationen auf. Psychologen vermuten, dass dies durch unbewussten mentalen Stress ("Leistungsdruck" gesund werden zu müssen) oder die Sorge ausgelöst wurde, der eigene Zustand müsse dramatisch kritisch sein, wenn eigens Gebetsgruppen beauftragt wurden.

Das nüchterne Fazit der Wissenschaft lautet: Eine spezifische, körperlich heilende Wirkung bei organischen oder psychischen Krankheiten lässt sich für Methoden des geistigen Heilens nach aktuellem Erkenntnisstand der Wissenschaft nicht belegen.

4. Warum erleben so viele Menschen dennoch Heilung? (Die Psychologie)

Wenn die Medizin feststellt, dass messbare Energiefelder nicht nachweisbar sind, drängt sich eine zentrale Frage auf: Warum berichten dann zehntausende Patienten von eindrucksvollen Schmerzlinderungen und gefühlter Heilung nach dem Besuch eines Heilers?

Hier liefert die moderne Psychologie faszinierende Erklärungen. Diese gefühlten Heilungserfolge sind in keiner Weise auf mangelnde Bildung, "Einbildung" oder Leichtgläubigkeit der Patienten zurückzuführen. Vielmehr handelt es sich um höchst komplexe, biologische und psychologische Reaktionen unseres Körpers.

Die Metapher: Das Orchester der Heilung (Spezifische vs. Unspezifische Wirkung)

Um den Unterschied zwischen evidenzbasierter Medizin und geistigem Heilen zu verdeutlichen, hilft die Metapher eines großen Orchesters – dieses steht für den menschlichen Körper.

[ Metapher: Das Orchester der Heilung ]

                   Der Patient (Der menschliche Körper)
             gleicht einem komplexen, spielenden Orchester
                              |
  +---------------------------+---------------------------+
  |                                                       |
[ Die evidenzbasierte Medizin ]         [ Das geistige Heilen ]
Analysiert das Notenblatt, greift       Schafft eine ruhige Atmosphäre,
ein, um defekte Instrumente zu          spendet dem Orchester Beifall
reparieren (Ursachenbekämpfung).        und senkt die Nervosität.
                                        
= Spezifischer Eingriff in die          = Unspezifische, emotionale 
  körperliche Struktur                  Unterstützung (Wohlbefinden)

Wenn das Orchester extrem unharmonisch spielt, weil eine Geige gebrochen ist (z. B. eine Entzündung), greift die Medizin spezifisch ein: Sie repariert die Geige. Das geistige Heilen hingegen tauscht die Saiten der Geige nicht aus. Der Heiler wirkt vielmehr wie ein wohlwollendes, liebendes Publikum: Er dimmt das grelle Licht, spendet Applaus und nimmt dem Orchester die Aufregung. Das Orchester spielt dadurch vielleicht entspannter und das Erlebnis ist für alle angenehmer (Placebo-Effekt) – aber die kaputte Geige bleibt objektiv defekt.

Der Care-Effekt (Placebo als neurobiologische Antwort)

Der Begriff Placebo-Effekt wird umgangssprachlich oft abwertend als "es wirkt nicht" missverstanden. Tatsächlich handelt es sich um eine stark messbare neurobiologische Antwort unseres Körpers auf Fürsorge. Nimmt sich ein Heiler intensiv Zeit, hört in einem angenehmen Umfeld voll emphatisch zu und strahlt Sicherheit aus, so reagiert das zentrale Nervensystem: Der Cortisolspiegel (Stress) sinkt dramatisch. Der Körper schaltet vom anstrengenden "Kampf-oder-Flucht"-Modus in den Ruhezustand um. In genau diesem Zustand schüttet das Gehirn Endorphine aus, was das subjektive Schmerzempfinden signifikant lindert. Dieser sogenannte "Care-Effekt" verringert das Leiden erheblich, wenngleich er die zugrunde liegende organische Zellveränderung nicht repariert.

Der natürliche Krankheitsverlauf (Regression zur Mitte)

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Dynamik von chronischen Erkrankungen (wie etwa Migräne, Neurodermitis, Rheuma oder Rückenleiden). Diese Krankheiten verlaufen fast immer in Wellenbewegungen – es gibt Schübe und Ruhephasen.

[ Der Krankheitsverlauf und der Beurteilungsfehler ]

Schmerz-
Intensität 
  |          Punkt der allergrößten Belastung
  |          (Aus Verzweiflung wird ein Heiler aufgesucht)
  |                       *
  |                      / \
  |                     /   \      Erleichterung setzt natürlich ein,
  |                    /     \     wird aber der Therapie zugeschrieben
  |      /\           /       \      *
  |     /  \         /         \____/ \
  |    /    \_______/                  \___
  |   / 
  |__/
  +--------------------------------------------------- Zeit (Wochen/Monate)

Patienten suchen verständlicherweise genau dann alternative Hilfe, wenn das Leiden am größten ist (auf dem Höhepunkt der Welle). Da alle biologischen Extreme von Natur aus irgendwann wieder zu einem Mittelwert zurückkehren (Spontanremission oder Abklingen des akuten Schubs), tritt kurz nach dem Höhepunkt nahezu unweigerlich eine Besserung ein. Unser menschliches Gehirn ist zutiefst darauf programmiert, Muster und Ursachen zu erkennen. Tritt die Besserung zeitlich kurz nach dem Heilerbesuch auf, schlussfolgern wir instinktiv, die Besserung müsse durch den Heiler bewirkt worden sein. Diese völlig normale menschliche Wahrnehmungsverzerrung bezeichnet man in der Wissenschaft als "Post-hoc-ergo-propter-hoc-Fehlschluss" (Danach, also deswegen).

5. Risiken, indirekte Gefahren und ethische Bedenken

Wenn geistiges Heilen in erster Linie beruhigt, entspannt und zuwendend ist – warum warnen Fachgesellschaften dann davor? Für gesunde Menschen, die Entspannung suchen, oder bei leichten Verspannungen gibt es in der Tat so gut wie keine Risiken. Höchst kritisch und potenziell lebensbedrohlich wird die Situation jedoch, wenn schwere Erkrankungen vorliegen.

  • Verzögerung lebensrettender Therapien: Die mit Abstand größte Gefahr ist indirekter Natur. Wenn Patienten bei ernstzunehmenden Symptomen (z. B. einem tastbaren Knoten, neurologischen Ausfällen oder schweren Infektionen) zunächst nur auf energetische Methoden vertrauen, verstreicht unersetzliche Zeit. Bei vielen Erkrankungen gibt es ein kritisches Zeitfenster für eine erfolgreiche, evidenzbasierte Behandlung, das sich dadurch unwiderruflich schließen kann.
  • Ablehnung medizinischer Hilfe: Erfreulicherweise kooperieren viele Heiler respektvoll mit Ärzten. Doch es existieren auch dogmatische Strömungen, deren Praktizierende aktiv von notwendigen medizinischen Therapien abraten (etwa von Chemotherapien oder Antibiotika), da diese angeblich "Gift für den Körper" seien oder die "Heilschwingung" blockieren würden. Solche fehlinformativen Ratschläge an schwerkranke Menschen sind zutiefst unethisch und bergen akute Lebensgefahr.
  • Finanzielle Überforderung: Menschen, die sich in existentiellen Gesundheitskrisen befinden, sind emotional extrem verwundbar und greifen nach jeder Hoffnung. Diese Verletzlichkeit wird mitunter systematisch ausgenutzt. Es gibt zahllose dokumentierte Fälle, in denen Betroffene erhebliche finanzielle Mittel für teure "Fernheilungs-Abos", Wochenendseminare oder unzählige energetische "Aura-Reinigungen" aufbrachten, ohne dass eine körperliche Besserung eintrat.
  • Die Schuldfrage und psychische Belastung (Victim Blaming): Ein besonders tragisches Risiko im alternativ-spirituellen Spektrum tritt auf, wenn die erhoffte Heilung ausbleibt oder ein Tumor weiter wächst. Da das angebotene energetische Heilsystem von den Anbietern in der Regel als perfekt und unfehlbar dargestellt wird, kann das Versagen nach dieser Logik nur beim Patienten liegen. Dem verzweifelten Patienten wird dann (oft subtil) suggeriert, er habe "nicht fest genug geglaubt", besitze "ungelöste karmische Blockaden aus Vorleben" oder halte auf unbewusster Ebene an der Krankheit fest. Das macht Schwerkranke faktisch selbst für ihr Leiden verantwortlich, führt zu einer massiven psychischen Belastung und nimmt ihnen oft den letzten inneren Halt.

6. Fazit und Empfehlungen für Patienten

Geistiges Heilen bedient ein sehr menschliches, legitimes Bedürfnis nach Trost, Zuwendung und Hoffnung in einer Welt, in der die moderne Hochleistungsmedizin gelegentlich als kalt und technokratisch empfunden wird.

Aus wissenschaftlich-objektiver Sicht sind die Behauptungen über die Existenz manipulierbarer Lebensenergien und deren spezifische Heilwirkung bei Krankheiten jedoch nicht haltbar. Eine organische Krankheit lässt sich nicht durch Handauflegen auflösen.

Das Wissen um diese naturwissenschaftlichen Fakten zwingt uns jedoch nicht, im Gesundheitssystem auf Empathie und emotionale Ganzheitlichkeit zu verzichten. Die folgenden Empfehlungen können Ihnen helfen, Selbstfürsorge sicher in Ihren Alltag zu integrieren, ohne unnötige gesundheitliche Risiken einzugehen:

  1. Diagnosen gehören in ärztliche Hände: Verlassen Sie sich bei körperlichen Schmerzen oder psychischen Symptomen immer primär auf ärztliche oder psychotherapeutische Fachkräfte. Setzen Sie notwendige, ärztlich verordnete Medikamente niemals eigenmächtig zugunsten alternativer, geistiger Heilverfahren ab.
  2. Warnsignale der Esoterik ernst nehmen: Nehmen Sie umgehend Abstand von Personen, die Ihnen absolute Heilversprechen (besonders bei schweren chronischen Erkrankungen oder Krebs) machen. Gleiches gilt für Behandelnde, die Ihnen untersagen, parallel einen Arzt aufzusuchen, oder die bei ausbleibender Heilung die Schuld bei Ihnen (Ihrem "Karma" oder "falschen Gedanken") suchen.
  3. Den Care-Effekt sicher für sich nutzen: Wenn Sie Entspannung, ein offenes Ohr oder Begleitung suchen, kann dies enorm wertvoll sein. Betrachten Sie derartige Angebote jedoch stets als ergänzende Hilfe (Komplementärmedizin), um mental zur Ruhe zu kommen, und niemals als wirksame Alternative zur organischen Behandlung einer Grunderkrankung.
  4. Evidenzbasierte Methoden der Stressreduktion wählen: Wenn Sie primär psychische Entlastung, Zuwendung und ein gestärktes Körpergefühl suchen, bietet das anerkannte Gesundheitssystem hervorragend evaluierte Möglichkeiten. Dazu zählen beispielsweise achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR), Progressive Muskelentspannung (PMR) oder unterstützende psychologische Gespräche. Diese Methoden erzielen ähnliche Entspannungseffekte, basieren jedoch auf einem soliden, überprüfbaren Fundament.

Die moderne medizinische Wissenschaft hat sicherlich (noch) nicht auf jede gesundheitliche Frage eine Antwort, und auch sie kann trotz aller Forschung bedauerlicherweise keine universelle Heilung garantieren. Aber sie bietet etwas Essentielles: Transparenz, ständige Weiterentwicklung, qualitätsgesicherte Fehlerkultur und das stete Abwägen von messbarem Nutzen und Risiko – was sie zur sichersten Basis für unsere langfristige Gesundheit macht.

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Quellen & Publikationen

  • Linda Rosa, Emily Rosa, Larry Sarner, Stephen Barrett.(1998).A Close Look at Therapeutic Touch.JAMA. DOI: 10.1001/jama.279.13.1005. PMID: 9533499. Grund für Verlinkung: Diese Studie wird im Text als Beleg für das Emily-Rosa-Experiment zitiert. Sie beweist empirisch, dass Praktizierende des Therapeutic Touch menschliche Energiefelder unter kontrollierten Bedingungen nicht besser als der reine Zufall (44 % Trefferquote) erspüren können.
  • Roberts, L., Ahmed, I., Hall, S., & Davison, A..(2009).Intercessory prayer for the alleviation of ill health.Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD000368. PMID: 19370557. Grund für Verlinkung: Dieser Cochrane-Review wird im Text zitiert, um die fehlende Wirksamkeit der Fernheilung und Fürbitte (Intercessory Prayer) zu belegen. Er zeigt, dass Gebete von Fremden keinen klinisch messbaren, medizinischen Effekt auf die Genesung von Patienten haben.
  • Joyce, J., & Herbison, G. P..(2015).Reiki for depression and anxiety.Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD006833.pub2. PMID: 25835541. Grund für Verlinkung: Dieser Cochrane-Review belegt die im Text aufgestellte Behauptung, dass Reiki bei klinischen Ängsten und Depressionen keinen therapeutischen Effekt hat, der über den Placebo-Effekt hinausgeht. Die Studie fand keine Evidenz für eine spezifische Wirksamkeit bei starken psychischen Belastungen.
  • Benson H, Dusek JA, Sherwood JB, et al..(2006).Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer (STEP).American Heart Journal. DOI: 10.1016/j.ahj.2005.05.028. PMID: 16569567. Grund für Verlinkung: Diese Untersuchung stützt das Textbeispiel zur sogenannten STEP-Studie. Sie zeigte bei Bypass-Patienten keine positive Auswirkung durch Fürbitten, ergab jedoch paradoxerweise eine leicht erhöhte Komplikationsrate bei jenen Patienten, die explizit wussten, dass für sie gebetet wird.
  • O'Mathúna, D. P., & Ashford, R. L..(2012).Therapeutic touch for healing acute wounds.Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD002766.pub4. PMID: 22696332. Grund für Verlinkung: Diese systematische Übersichtsarbeit untermauert die Aussage im Text, dass es keine verlässliche Evidenz für eine beschleunigte Wundheilung durch Therapeutic Touch gibt. Sie stützt die Schlussfolgerung, dass organische Heilungsprozesse dadurch nicht spezifisch gefördert werden.

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