Verursachen Fieberkrämpfe Hirnschäden? Der Faktencheck
Artikel 10. August 2026

Verursachen Fieberkrämpfe Hirnschäden? Der Faktencheck

Der Mythos, dass Fieberkrämpfe bei Säuglingen und Kleinkindern Hirnschäden oder Intelligenzminderung verursachen, ist wissenschaftlich widerlegt. Unkomplizierte Fieberkrämpfe sind harmlos, führen nicht zu Zellensterben im Gehirn und verändern weder den IQ noch den Schulerfolg.

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Geprüfte Behauptung

"Fieberkrämpfe bei Kindern verursachen bleibende Hirnschäden und senken den IQ."

Bewertungfalsch

"Fieberkrämpfe verursachen Hirnschäden" – Ein Mythos, der Eltern in Panik versetzt

Es ist der absolute Albtraum für jede Mutter und jeden Vater: Das Kind ist krank, das Fieber steigt und plötzlich passiert das Unfassbare. Der kleine Körper versteift sich, die Augen verdrehen sich nach oben, Arme und Beine beginnen unkontrolliert zu zucken. Das Kind reagiert nicht mehr auf Rufen oder Schütteln, die Lippen laufen womöglich bläulich an. Für die Eltern, die dieses Szenario zum ersten Mal miterleben, steht in diesen endlos wirkenden Minuten meist ein einziger, grauenhafter Gedanke im Raum: "Mein Kind stirbt gerade – oder sein Gehirn wird in diesem Moment unwiderruflich zerstört."

Aus dieser tiefen, instinktiven Urangst speist sich einer der hartnäckigsten und furchteinflößendsten Gesundheitsmythen unserer Zeit: Die Annahme, dass Fieberkrämpfe zu dauerhaften Hirnschäden, einem Verlust der Intelligenz oder unweigerlich zu chronischer Epilepsie führen. Dieser Glaube ist nicht nur in der Allgemeinbevölkerung tief verwurzelt, sondern erzeugt eine generationenübergreifende "Fieberphobie", die den Alltag unzähliger Familien diktiert.

Doch was ist wirklich dran an diesem Schreckensszenario? Die moderne Neuropädiatrie hat darauf eine klare, unmissverständliche und überaus beruhigende Antwort, die Eltern die größte Last von den Schultern nehmen kann.

1. Der Mythos: Was genau wird behauptet und warum klingt es so logisch?

Die Behauptung lautet schlicht und ergreifend: Der extreme körperliche Ausnahmezustand eines Fieberkrampfs lässt Nervenzellen im Gehirn absterben. Es wird angenommen, dass die fehlende Atmung (sichtbar an den blauen Lippen) zu einem akuten Sauerstoffmangel im Gehirn führt, der das kindliche Denkorgan dauerhaft schädigt.

In der Vorstellung vieler Menschen "grillt" das Fieber in Kombination mit den Krämpfen förmlich die Synapsen. Die logische – wenn auch medizinisch fehlerhafte – Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird: Kinder, die Fieberkrämpfe erleiden, haben später Lernschwierigkeiten, einen niedrigeren IQ, entwickeln sich langsamer und werden mit hoher Wahrscheinlichkeit Epileptiker. Ein Fieberkrampf wird somit als eine Art "Mini-Schlaganfall" fehlinterpretiert, der zwangsläufig unsichtbare Narben hinterlässt.

Dieser Mythos ist allgegenwärtig. Er wird auf Spielplätzen, in Internetforen und über den sprichwörtlichen Gartenzaun von Generation zu Generation weitergegeben. Er ist der Hauptgrund, warum besorgte Eltern nachts im Stundentakt den Wecker stellen, um bei ihrem fiebernden Kind die Temperatur zu messen, und warum fiebersenkende Medikamente oft weitaus großzügiger und früher verabreicht werden, als es medizinisch notwendig wäre. Das erklärte Ziel: Den Fieberkrampf – und damit den vermeintlichen Hirnschaden – um jeden Preis zu verhindern.

2. Medizinische Grundlagen: Was passiert im fiebernden Gehirn?

Um zu verstehen, warum dieser Mythos falsch ist, müssen wir uns ansehen, was bei einem Fieberkrampf (medizinisch: Infektkrampf) im kindlichen Körper tatsächlich geschieht.

Alles beginnt im Hypothalamus, dem Temperaturzentrum unseres Gehirns. Wenn Viren oder Bakterien in den Körper eindringen, schüttet das Immunsystem Botenstoffe (sogenannte Zytokine) aus. Diese signalisieren dem Hypothalamus, die Körpertemperatur ("den Thermostat") nach oben zu regulieren. Fieber ist keine Krankheit, sondern eine hochwirksame Waffe des Körpers, um Erreger abzutöten, da diese sich bei höheren Temperaturen schlechter vermehren können.

Das Gehirn von Babys und Kleinkindern (meist im Alter zwischen 6 Monaten und 5 Jahren) befindet sich jedoch noch in einem massiven Umbau. Das Netzwerk aus Nervenzellen ist noch unreif. Die isolierenden Schichten um die Nervenbahnen (Myelinscheiden) sind noch nicht vollständig ausgebildet. Wenn nun die Körpertemperatur schnell ansteigt, kommt es in diesem hochsensiblen, unreifen Netzwerk manchmal zu einer elektrischen Überreizung.

Nervenzellen beginnen, plötzlich hochsynchron und unkontrolliert Signale abzufeuern. Das Gehirn funkt quasi auf allen Kanälen gleichzeitig "Bewegung!". Die Muskeln gehorchen diesem elektrischen Sturm und verkrampfen sich oder zucken. Das ist der Fieberkrampf.

Die Metapher des Baugerüsts und des Stromnetzes

Um sich diesen Vorgang besser vorzustellen, hilft eine didaktische Metapher aus der Elektrotechnik. Stellen Sie sich das kindliche Gehirn wie ein großes Stromnetzwerk in einer im Bau befindlichen Stadt vor.

Die Kabel sind noch nicht überall perfekt isoliert. Das Fieber wirkt wie eine plötzliche Spannungsspitze im Netz (ein Blitzeinschlag oder eine extreme Stromschwankung). Die fehlende Isolation führt dazu, dass Funken überspringen – es entsteht ein elektrischer Kurzschluss. Die Straßenlaternen (Muskeln) fangen an, wild zu flackern.

Aber: Jedes moderne Stromnetz verfügt über eingebaute Schutzschalter (Sicherungen). Sobald der Kurzschluss auftritt, registriert das Hauptsystem die Überlastung und löst den Schutzschalter aus. Der Stromkreislauf wird kurzzeitig unterbrochen, das Flackern hört auf. Das Wichtigste an diesem Prozess: Die Kabel verbrennen nicht. Sobald der Schutzschalter wieder umgelegt wird (das Kind aus dem Krampf erwacht), funktioniert das Netz exakt so wie vorher.

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| 1. INFEKT & FIEBER    |       | 2. DER KURZSCHLUSS      |       | 3. DIE SICHERUNG       |
| (Temperatur steigt)   | ----> | (Elektrischer Sturm)    | ----> | (Gehirn stoppt Krampf) |
+-----------------------+       +-------------------------+       +------------------------+
           |                                 |                                 |
           v                                 v                                 v
+-----------------------+       +-------------------------+       +------------------------+
| Immunsystem arbeitet, |       | Unreifes Nervennetzwerk |       | Automatische Schutz-   |
| Hypothalamus stellt   |       | feuert synchron. Kind   |       | mechanismen greifen.   |
| die "Heizung" höher.  |       | verkrampft (Zuckungen). |       | Nervenzellen INTAKT.   |
+-----------------------+       +-------------------------+       +------------------------+

3. Der naturwissenschaftliche Faktencheck: Warum das Gehirn unversehrt bleibt

Zunächst unterscheidet die Medizin zwischen einfachen (unkomplizierten) und komplexen (komplizierten) Fieberkrämpfen. Etwa 70 bis 80 Prozent aller Fälle sind unkomplizierte Fieberkrämpfe. Sie betreffen den gesamten Körper (generalisiert), dauern in der Regel weniger als 15 Minuten (die allermeisten enden nach 2 bis 3 Minuten von selbst) und wiederholen sich nicht innerhalb von 24 Stunden.

Die alles entscheidende medizinische Tatsache lautet: Dieser elektrische Sturm zerstört keine Zellen.

Ein einfacher Fieberkrampf hinterlässt absolut keine strukturellen Schäden am Gewebe. Eltern fürchten insbesondere den Sauerstoffmangel, weil die Kinder während des Krampfs oft bläuliche Lippen (Zyanose) bekommen. Doch dieses Symptom ist trügerisch: Die Blaufärbung entsteht, weil die Atemmuskulatur und das Zwerchfell (der wichtigste Atemmuskel) während des Krampfs kurzzeitig starr und angespannt sind. Dadurch atmet das Kind flacher oder hält kurz inne. Der in diesem Moment noch im Blutkreislauf und im Gehirn zirkulierende Sauerstoff reicht jedoch für diese kurzen Minuten völlig aus, um eine Hypoxie (Sauerstoffunterversorgung der Neuronen) sicher zu verhindern. Das kindliche Gehirn erstickt nicht.

Die Beweislage hierfür ist überwältigend. Groß angelegte, bevölkerungsbasierte Langzeitstudien (wie die berühmte Untersuchung von Nelson und Ellenberg im New England Journal of Medicine oder neuere skandinavische Kohortenstudien) haben Zehntausende Kinder über Jahrzehnte hinweg begleitet. Das Ergebnis ist frappierend eindeutig:

Kinder, die in ihrer frühen Kindheit unkomplizierte Fieberkrämpfe erlitten, unterscheiden sich in ihrer globalen Intelligenz (IQ), ihren schulischen Leistungen, ihrer Sprachentwicklung und ihrem Verhalten absolut nicht von Kindern ohne Fieberkrämpfe – nicht einmal von ihren eigenen, krampffreien Geschwistern. Ein Fieberkrampf macht ein Kind weder dümmer noch entwicklungsverzögert.

4. Die Angst vor der Epilepsie: Ursache oder Zufall?

Ein weiterer großer Angstfaktor ist die Sorge, der Fieberkrampf sei der unweigerliche Vorbote oder gar Auslöser einer Epilepsie (Fallsucht). Auch hier kann die Neuropädiatrie Entwarnung geben: Ein einfacher Fieberkrampf ist keine Epilepsie.

Das Risiko für ein Kind aus der Normalbevölkerung, später im Leben an Epilepsie zu erkranken, liegt bei etwa 1 Prozent. Nach einem einfachen Fieberkrampf steigt dieses statistische Risiko minimal auf etwa 2 Prozent an.

Dieser marginale Anstieg bedeutet jedoch keinesfalls, dass der Fieberkrampf das Gehirn geschädigt und dadurch die Epilepsie verursacht hat. Es verhält sich genau umgekehrt: Die moderne Wissenschaft geht davon aus, dass Kinder, die genetisch ohnehin eine Veranlagung zu Epilepsie (also eine niedrigere Krampfschwelle) in sich tragen, bei einem starken fieberhaften Infekt lediglich ihren allerersten Krampfanfall erleben. Der Fieberkrampf ist hier also nicht die Ursache der Erkrankung, sondern lediglich ein erster, früher Marker einer ohnehin bereits vorhandenen Genetik.

Selbst bei komplexen Fieberkrämpfen (die länger dauern, nur eine Körperhälfte betreffen oder sich am selben Tag wiederholen) bleibt die globale Intelligenz meist völlig unbeeinträchtigt. Hier empfehlen Kinderärzte zwar eine engmaschigere neurologische Abklärung, aber auch hier ist Panik unangebracht.

5. Historische Ursprünge: Wie der Mythos in die Welt kam

Warum hielt sich die Ärzteschaft selbst so lange an den Glauben, Fieberkrämpfe seien hochgefährlich? Der Mythos hat zwei wesentliche medizinhistorische Wurzeln, aus denen wir wichtige Lehren ziehen können.

Die erste Wurzel liegt in einer fatalen Verwechslung von Ursache und Wirkung vor der Erfindung der modernen Diagnostik und von Antibiotika. In früheren Jahrhunderten starben viele Kinder an schweren bakteriellen Hirnhautentzündungen (Meningitis) oder Gehirnentzündungen (Enzephalitis). Diese lebensbedrohlichen Infektionen gingen mit extrem hohem Fieber und schweren, oft anhaltenden Krampfanfällen einher. Die Kinder, die diese Infektionen überlebten, trugen oft schwerste geistige und körperliche Behinderungen davon. Die damaligen Beobachter zogen einen logischen, aber falschen Schluss: "Das Kind hatte Fieber, es hat gekrampft, und jetzt ist es geistig behindert. Der Fieberkrampf war die Ursache!" Man wusste noch nicht, dass die eigentliche Ursache die aggressive bakterielle Infektion war, die das Gehirn irreversibel zerstörte. Der Krampf war lediglich ein Symptom des Untergangs, nicht sein Auslöser.

Die zweite Wurzel ist ein tragisches Kapitel der Kinderheilkunde des 20. Jahrhunderts. Da Ärzte lange Zeit glaubten, jeder Krampf – auch ein Fieberkrampf – schädige das Gehirn, gingen sie in den 1970er und 1980er Jahren dazu über, Fieberkrämpfe aggressiv und vorbeugend mit Medikamenten zu unterdrücken. Kinder, die nur einen einzigen Fieberkrampf erlitten hatten, bekamen über Jahre hinweg starke Antiepileptika verschrieben, am häufigsten das Barbiturat Phenobarbital.

Die fatale Folge: Phenobarbital dämpft das zentrale Nervensystem massiv. Die medikamentierten Kinder waren chronisch müde, unkonzentriert, in ihrer motorischen Entwicklung gehemmt und schnitten in Intelligenztests messbar schlechter ab. Die Gesellschaft sah diese Kinder und fühlte sich in ihrem Mythos bestätigt: "Seht her, das ist das Kind, das die Fieberkrämpfe hatte. Es ist in der Schule viel langsamer!" In Wahrheit war das Gehirn dieser Kinder völlig intakt und gesund – es wurde lediglich durch die gut gemeinte, aber völlig fehlgeleitete ärztliche Dauertherapie medikamentös lahmgelegt. Als die Medizin diesen Irrtum erkannte und die medikamentöse Prophylaxe stoppte, normalisierten sich die kognitiven Fähigkeiten der betroffenen Kinder glücklicherweise wieder.

6. Intuitive Plausibilität & Psychologie: Warum wir trotz aller Fakten daran glauben

Warum lässt sich dieser Mythos, trotz aller wissenschaftlichen Entwarnungen, so schwer aus den Köpfen der Eltern vertreiben? Die Antwort liegt in der menschlichen Psychologie und unserer evolutionären Programmierung.

Ein Fieberkrampf ist ein massives optisches Trauma für jeden Beobachter. Unser Gehirn ist evolutionär darauf programmiert, Unversehrtheit und Lebensgefahr blitzschnell an visuellen Reizen festzumachen. Ein Kind, das plötzlich steif wird, nicht mehr atmet, sich unnatürlich verrenkt und völlig weggetreten ist, bedient exakt alle optischen Kriterien eines Sterbeprozesses oder einer massiven Hirnschädigung.

Es existiert ein starker kognitiver Bias in uns: Etwas, das derart brutal, gewalttätig und lebensbedrohlich aussieht, MUSS einfach eine Narbe hinterlassen. Der Verstand weigert sich intuitiv zu akzeptieren, dass ein Ereignis von solch apokalyptischer Anmutung für den kindlichen Körper letztlich so harmlos ist wie ein automatischer Neustart bei einem eingefrorenen Computer.

Hinzu kommt der psychologische Denkfehler namens post-hoc ergo propter hoc ("danach, also deswegen"). Wenn bei einem Kind im Alter von fünf Jahren eine Lernschwäche, ADHS oder eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert wird, suchen Eltern verzweifelt nach einer Erklärung, nach einem "Schuldigen". Hatte das Kind mit 18 Monaten einen dramatischen Fieberkrampf, bietet sich dieser als perfekter, greifbarer Sündenbock an. Das menschliche Gehirn verknüpft zwei völlig unabhängige Ereignisse zu einer Kausalkette, um der quälenden Ohnmacht der Ungewissheit zu entkommen.

7. Die wahren Gefahren: Schütteln, Knebeln und das Geschäft mit der Angst

Dass dieser Mythos weiterhin existiert, ist keineswegs nur ein theoretisches Problem – er richtet in der Realität konkreten körperlichen und seelischen Schaden an. Die aus dem Mythos resultierende Panik führt oft zu gefährlichen Kurzschlussreaktionen der Eltern.

Die akuteste Gefahr entsteht paradoxerweise genau während des Krampfs. In dem Irrglauben, das Kind müsse sofort aus diesem Zustand gerissen werden, um ein Absterben des Gehirns zu verhindern, greifen Eltern in ihrer Panik zu drastischen Maßnahmen:

  • Schütteln: Aus purer Verzweiflung werden krampfende Kinder geschüttelt. Dies kann im schlimmsten Fall zu einem lebensgefährlichen Schütteltrauma (Shaken Baby Syndrome) mit Einblutungen ins Gehirn führen – ein Hirnschaden, der durch die Panik der Eltern verursacht wird, nicht durch den Krampf!
  • Knebeln: Aus der unbegründeten Angst, das Kind könnte seine eigene Zunge verschlucken oder abbeißen, wird versucht, Finger, Löffel oder Beißkeile gewaltsam in den fest verkrampften Kiefer zu pressen. Das Resultat sind abgebrochene Milchzähne, schwere Verletzungen im Mundraum und die akute Erstickungsgefahr durch Zahnsplitter.
  • Schock-Kühlung: Ein weiterer gefährlicher Reflex ist das plötzliche Eintauchen des krampfenden und fiebernden Kindes in eine Badewanne mit kaltem Wasser. Diese Maßnahme überlastet das Herzkreislaufsystem massiv und kann zu einem lebensgefährlichen Kreislaufschock führen.

Darüber hinaus züchtet der Mythos eine chronische "Fieberphobie". Eltern verabreichen bei den kleinsten Temperaturerhöhungen präventiv abwechselnd Paracetamol und Ibuprofen. Diese Übertherapie belastet die Leber und Nieren der kleinen Kinder stark und stört die natürliche, gesunde Immunantwort des Körpers. Zudem werden Kinder nachts stündlich geweckt, was ihnen den so dringend benötigten Erholungsschlaf raubt.

Auch wenn hinter dem Mythos keine böswillige Großindustrie steckt, profitieren bestimmte Akteure durchaus von dieser Angst. Ein lukrativer Markt für Dauer-Fieberthermometer, "smarte" Socken und nächtliche Überwachungs-Apps hat sich etabliert. Sie versprechen den Eltern absolute Kontrolle und Vorwarnung, suggerieren damit aber gleichzeitig subtil, dass Fieber per se etwas extrem Gefährliches sei, das lückenlos überwacht werden müsse. Ironischerweise können all diese Geräte einen Fieberkrampf gar nicht verhindern. Der Krampf tritt oft ganz zu Beginn eines Infekts in der allerersten Phase des rasanten Temperaturanstiegs auf – oft noch bevor das eigentliche Fieber von den Eltern überhaupt bemerkt wurde.

8. Empathie, Entlastung und Erste Hilfe: Was Sie WIRKLICH tun sollten

Wenn Sie jemals miterlebt haben, wie Ihr eigenes Kind einen Fieberkrampf hatte, dann wissen Sie eines ganz genau: Die panische Angst, die Sie in diesem Moment gespürt haben, war absolut real und überwältigend. Kein Text der Welt und keine medizinische Statistik kann diese emotionale Wucht im Nachhinein ungeschehen machen. Jeder Kinderarzt, jeder Sanitäter und jede Notärztin versteht vollkommen, warum Eltern in einer solchen Situation zitternd und weinend den Rettungswagen rufen. Es ist absolut in Ordnung und zutiefst menschlich, dass Sie in Panik waren.

Der Ausweg aus dieser Angstspirale beginnt jedoch mit tiefem Durchatmen und echtem Vertrauen in die enorme Widerstandskraft des kindlichen Körpers.

Ihr Kind stirbt nicht an einem einfachen Fieberkrampf, und sein Gehirn nimmt absolut keinen Schaden. Das Gehirn hat einen eingebauten, genialen Schutzmechanismus, der den elektrischen Sturm fast immer nach zwei bis drei Minuten von selbst beendet.

Wenn es passiert, ist das Wichtigste, was Sie tun können, paradoxerweise: Fast nichts.

  • Bleiben Sie bei Ihrem Kind und bleiben Sie so ruhig wie möglich. Straffen Sie sich, Sie sind der sichere Hafen für Ihr Kind, wenn es aufwacht.
  • Schauen Sie bewusst auf die Uhr, um später dem Arzt exakt sagen zu können, wie lange der Krampf tatsächlich gedauert hat (Minuten fühlen sich in Panik oft an wie Stunden).
  • Legen Sie das Kind weich und sicher ab, idealerweise auf den Boden (damit es nicht vom Sofa oder Bett fallen kann) und in die stabile Seitenlage, damit Speichel oder Erbrochenes ungehindert abfließen können.
  • WICHTIG: Stecken Sie dem Kind NIEMALS Gegenstände oder Finger in den Mund und schütteln Sie es auf gar keinen Fall!

Wenn es der allererste Krampf im Leben Ihres Kindes ist oder der Krampf länger als 5 Minuten andauert, rufen Sie völlig ohne schlechtes Gewissen den Notarzt (112). Das tun Sie aber nicht, weil das Gehirn gerade in diesem Moment zerstört wird, sondern schlichtweg, damit Mediziner nach dem Anfall sicherstellen können, dass hinter dem Krampf keine andere behandlungsbedürftige Infektion (wie etwa eine Hirnhautentzündung) steckt. Ist der Fieberkrampf bereits bekannt und der Kinderarzt hat Sie aufgeklärt, reicht oft die Gabe eines Notfallmedikaments (meist Diazepam oder Midazolam als Zäpfchen/Lösung), sofern der Krampf nicht von selbst stoppt.

Entlasten Sie sich auch in Ihrem Alltag: Sie müssen ein fieberndes Kind nicht panisch rund um die Uhr überwachen oder jede leicht erhöhte Temperatur sofort medikamentös bekämpfen. Fieberkrämpfe lassen sich durch den vorsorglichen Einsatz von fiebersenkenden Mitteln ohnehin nicht zuverlässig verhindern – das haben zahlreiche medizinische Studien eindeutig belegt.

Vertrauen Sie darauf, dass Fieber eine gute und extrem wichtige Waffe des Immunsystems ist. Und vertrauen Sie darauf, dass selbst der zutiefst erschreckende Kurzschluss eines Fieberkrampfs im Rückblick auf das Leben Ihres Kindes nur ein harmloses, temporäres Stolpern in der Entwicklung eines ansonsten völlig gesunden, starken und wunderbaren Gehirns ist.

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Quellen & Publikationen

  • Gesellschaft für Neuropädiatrie (GNP).(2020).Fieberkrämpfe im Kindesalter (S1-Leitlinie).AWMF-Leitlinienregister. Link . Grund für Verlinkung: Die Leitlinie untermauert in Kapitel 9 die aktuellen medizinischen Standards im deutschsprachigen Raum und rät von medikamentöser Dauerprophylaxe ab.
  • Subcommittee on Febrile Seizures, AAP.(2011).Neurodiagnostic Evaluation of the Child With a Simple Febrile Seizure.Pediatrics. DOI: 10.1542/peds.2011-0276. PMID: 21285335. Grund für Verlinkung: Die AAP-Leitlinie wird in Kapitel 9 angeführt, um die Gutartigkeit des Phänomens und den Verzicht auf belastende Diagnostik (wie CT-Scans) zu belegen.
  • Nørgaard, M., et al..(2009).Cognitive function in early adulthood and history of febrile seizures: a population-based cohort study.The Journal of Pediatrics. DOI: 10.1016/j.jpeds.2009.04.003. PMID: 19555964. Grund für Verlinkung: Diese Studie dient als Beleg für die in Kapitel 3 erwähnten skandinavischen Kohortenstudien. Sie zeigte an über 18.000 dänischen Rekruten, dass Fieberkrämpfe keine langfristigen kognitiven Defizite verursachen.
  • Nelson, K. B., & Ellenberg, J. H..(1976).Prognosis in children with febrile seizures.The New England Journal of Medicine. DOI: 10.1056/NEJM197605132942001. Grund für Verlinkung: Diese Studie wird in Kapitel 3 und 9 herangezogen, um zu beweisen, dass Kinder mit unkomplizierten Fieberkrämpfen keine Defizite im IQ aufweisen.
  • Offringa, M., Newton, R., Cozijnsen, M. A., & Nevitt, S. J..(2017).Prophylactic drug management for febrile seizures in children.Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD003031.pub3. PMID: 28225210. Grund für Verlinkung: In Kapitel 9 (und indirekt in Kapitel 5) wird der Review genutzt, um die schädliche chronische Gabe von Antiepileptika wissenschaftlich zu entkräften.

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