Der Natur-Kult: Der Mythos der wohlwollenden Natur
Artikel 10. August 2026

Der Natur-Kult: Der Mythos der wohlwollenden Natur

Der Natur-Kult beruht auf der romantischen Vorstellung, dass die Natur wohlwollend sei und "natürliche" Heilmittel stets synthetischen überlegen seien. Medizinisch führt dies zum naturalistischen Fehlschluss, da auch Naturstoffe hochtoxisch sein können und synthetische Arzneien oft sicherer dosierbar sind.

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Der Natur-Kult: Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen in der Medizin

Natürlich ist besser.“ Dieser Satz ist in unserer modernen Gesundheitskultur so allgegenwärtig, dass er kaum noch als bloße Behauptung wahrgenommen wird. Er gilt vielmehr als unumstößliche Tatsache, als eine Art innerer Kompass in Gesundheitsfragen. Von pflanzlichen Medikamenten über sanfte Geburten bis hin zu Ernährungstrends – alles, was das Etikett „Natur“ trägt, wird intuitiv mit Reinheit, Gesundheit, Unversehrtheit und Heilung assoziiert.

Doch hinter dieser tief verwurzelten Überzeugung verbirgt sich kein biologisches oder physikalisches Gesetz, sondern eine mächtige philosophische Weltanschauung: der Natur-Kult. Er prägt bis heute massiv, wie wir Krankheit deuten, welche Behandlungen wir als „sanft“ akzeptieren und welche wir als „giftige Chemie“ ablehnen. Um Patienten in ihren Bedürfnissen wirklich zu verstehen und gleichzeitig evidenzbasierte Aufklärung zu leisten, ist es unerlässlich, die Ursprünge, die Logik und auch die Fallstricke dieses Natur-Kults respektvoll und präzise zu beleuchten.

1. Das Bedürfnis nach Geborgenheit: Historische Einordnung

Der medizinische Natur-Kult wurzelt in der romantischen Vorstellung, dass die Natur in ihrem ursprünglichen Zustand vollkommen, rein und den Menschen wohlgesonnen sei. Im krassen Gegensatz dazu wird die menschliche Zivilisation – und mit ihr die moderne Technik, Industrie und Wissenschaft – oft als künstlich, korrupt und letztlich krankmachend empfunden.

Philosophiegeschichtlich lässt sich dieses Denken zwar bis in die Antike zurückverfolgen, doch seine stärkste und bis heute prägendste Ausprägung fand es im 18. Jahrhundert. Es war maßgeblich der Aufklärer und Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der das Bild des „edlen Wilden“ prägte: Der Mensch sei von Natur aus gut, gesund und glücklich, solange er im Einklang mit der natürlichen Ordnung lebe. Die Zivilisation hingegen sei die primäre Quelle seines Leidens.

In der Epoche der Romantik verfestigte sich dieses Bild als verständliche psychologische Gegenreaktion auf die aufkommende Industrialisierung. Die rauchenden Schlote der Fabriken, die Ausbeutung von Mensch und Landschaft sowie die überfüllten, von Cholera und Tuberkulose geplagten Städte wurden als widernatürliche Hölle empfunden. Die Natur hingegen wurde mystifiziert: Sie war nicht mehr nur ein physischer Raum voller Ressourcen und Gefahren, sondern eine fürsorgliche Instanz – „Mutter Natur“ –, die den Menschen nährt, schützt und heilt, solange er sich ihren Rhythmen und Gesetzen demütig unterwirft.

2. Das Konzept von Krankheit und Heilung im Natur-Kult

In der Weltanschauung des Natur-Kultes existiert eine bestechend einfache und intuitive kausale Logik: Gesundheit ist der ungestörte Normalzustand des Menschen, der in absoluter Harmonie mit der natürlichen Ordnung lebt. Krankheit hingegen entsteht durch Entfremdung von dieser Ordnung.

Aus dieser Sicht werden Krankheiten selten als zufälliges biologisches Pech, als genetische Disposition oder als evolutionäre Schwachstelle verstanden. Sie werden stattdessen fast moralisch als Folge einer falschen, zivilisatorisch überformten Lebensweise gedeutet. Es sind die „künstlichen“ Einflüsse – von industriell verarbeiteter Nahrung über Umweltgifte und psychischen Stress bis hin zu synthetischen Medikamenten und Elektrosmog –, die den Körper belasten, verschlacken und letztendlich vergiften.

Heilung kann in diesem Denksystem niemals durch noch mehr „Künstlichkeit“ (wie komplexe Pharmakologie oder chirurgische Eingriffe) erfolgen, denn man kann ein „künstliches“ Problem nicht mit künstlichen Mitteln nachhaltig lösen. Stattdessen bedarf es einer Rückkehr zum Natürlichen. Die Vis medicatrix naturae, die angenommene innewohnende Heilkraft der Natur, wird als universelles inneres Prinzip des Körpers verstanden, das lediglich freigelegt und unterstützt werden muss. Dies geschieht vorwiegend durch Reinigungsprozesse (Entgiftung), den strikten Verzicht auf synthetische Substanzen und den Einsatz von Heilmitteln, die direkt aus der Natur stammen, da diese als grundsätzlich sanft, weise und nebenwirkungsfrei gelten.

Die Metapher des Baugerüsts

Um die fundamentalen Unterschiede zwischen dem Natur-Kult und der evidenzbasierten Medizin zu veranschaulichen, hilft die didaktische Metapher des Baugerüsts. Sie zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich der kranke Körper und die Rolle von Medikamenten wahrgenommen werden:

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|                      DIE METAPHER DES BAUGERÜSTS                        |
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| 1. DIE NATUR-KULT-PERSPEKTIVE (Krankheit als Verunreinigung)            |
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| Grundannahme: Der Körper ist ein perfekter, selbstreinigender Tempel.   |
| Problem: Externe Schadstoffe ("Chemie", "Schlacken") stören das System. |
| Lösung: Weglassen, Entgiften (Detox), Naturmittel verwenden.            |
|                                                                         |
|      [Perfekter Zustand] ---> (Störfaktoren von außen) ---> [Symptome]  |
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|                              [Künstliche Medizin]                       |
|                             (wird als weitere Störung gesehen)          |
|                                                                         |
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| 2. DIE EVIDENZBASIERTE PERSPEKTIVE (Krankheit als struktureller Fehler) |
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| Grundannahme: Der Körper ist ein hochkomplexes, fehleranfälliges System.|
| Problem: Strukturelle Defekte, Genmutationen, Erreger, Verschleiß.      |
| Lösung: Medikamente fungieren als BAU- ODER STÜTZGERÜST.                |
|                                                                         |
|   [Biologisches System] ---> (Bakterien / Mutationen / Alter)           |
|                                        |                                |
|                            [Struktureller Systemfehler]                 |
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|               (Immunsystem kämpft)         (Medikament als stützendes   |
|                                             Baugerüst hilft reparieren) |
|                        |                               |                |
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|                                 [Heilung / Linderung]                   |
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Während der Natur-Kult in der synthetischen Medizin oft einen weiteren toxischen Angriff auf das ohnehin geschwächte System sieht, betrachtet die evidenzbasierte Medizin Medikamente als dringend benötigte Stützpfeiler (ein temporäres „Baugerüst“), die das körpereigene System vor dem Zusammenbruch bewahren, bis es sich wieder regeneriert hat.

3. Der naturalistische Fehlschluss in der Medizin

Aus der Perspektive der modernen Naturwissenschaften, der Evolutionsbiologie und der evidenzbasierten Medizin beruht der Natur-Kult auf einem fundamentalen philosophischen Denkfehler: dem sogenannten naturalistischen Fehlschluss (im englischsprachigen Raum oft als Appeal to Nature bezeichnet).

Dieser Fehlschluss besagt, dass von der reinen „Natürlichkeit“ einer Sache unzulässigerweise auf deren moralische, qualitative oder gesundheitliche Güte geschlossen wird. Frei nach dem Motto: Was aus der Natur kommt, ist automatisch gut, harmlos und gesund für den Menschen.

Die moderne Biologie zeichnet jedoch ein völlig anderes, weitaus unromantischeres Bild der Natur. Die Natur ist nicht fürsorglich. Sie ist weder gut noch böse; sie ist vollkommen indifferent, pragmatisch und amoralisch. Die Evolution folgt nicht dem Ziel, das einzelne Individuum glücklich, schmerzfrei oder extrem alt werden zu lassen, sondern optimiert lediglich die Weitergabe von Genen. Der „natürliche“ Zustand des Menschen war über Jahrhunderttausende hinweg geprägt von erschreckend hoher Kindersterblichkeit, tödlichen bakteriellen Infektionen, chronischem Parasitenbefall und einer insgesamt sehr geringen Lebenserwartung.

Auch die Gleichsetzung von „pflanzlich“ oder „natürlich“ mit „ungefährlich“ ist aus toxikologischer Sicht völlig unhaltbar. Die Natur ist die kompetenteste und skrupelloseste Giftmischerin unseres Planeten. Einige der stärksten und tödlichsten Toxine, die wir heute kennen – wie Botulinumtoxin (Botox), Rizin, das Gift der Tollkirsche (Atropin), das Gift des Knollenblätterpilzes oder das des Schierlings (das schon Sokrates tötete) –, sind zu einhundert Prozent natürlichen Ursprungs. Bakterien, Viren, Schimmelpilze und mutierte Krebszellen sind ebenso integraler Bestandteil der „Mutter Natur“ wie duftende Heilkräuter und saubere Bergbäche.

Die moderne Medizin hingegen, die der Natur-Kult so oft als „Chemiekeule“ abwertet, ist genau genommen der großartige, ethische Versuch des Menschen, sich aus der Gnadenlosigkeit der natürlichen Selektion zu befreien und individuelles Leiden zu mindern.

4. Pharmakologie: Pflanzenextrakt vs. isoliertes Molekül

Ein zentrales Argument des Natur-Kults ist die Überlegenheit der ganzen Pflanze gegenüber dem im Labor isolierten oder gar synthetisierten Wirkstoff. Argumentiert wird oft, dass die Pflanze eine natürliche "Harmonie" von Wirkstoffen besitze, die Nebenwirkungen wie von Zauberhand abpuffere.

Tatsächlich hat die moderne Pharmakologie ihre absolut größten Schätze der Natur zu verdanken. Ein immenser Teil unserer wirksamsten Medikamente stammt ursprünglich aus Pflanzen, Pilzen oder Bakterien (wie Acetylsalicylsäure aus der Weidenrinde, Penicillin aus Schimmelpilzen, oder das Krebsmedikament Paclitaxel aus der Eibe). Die Wissenschaft hat sich jedoch aus einem sehr guten Grund dazu entschieden, diese Wirkstoffe zu isolieren, zu reinigen und im Labor standardisiert nachzubauen.

Synthetische oder hochreine isolierte Medikamente sind in den allermeisten Fällen deutlich sicherer für den Patienten. Warum? Eine Pflanze produziert ihre Inhaltsstoffe nicht, um uns Menschen sanft zu heilen. Sie produziert sie, um sich selbst vor Fressfeinden, Pilzbefall oder UV-Strahlung zu schützen. Der Gehalt an Wirkstoffen – und vor allem an potenziell leberschädigenden Begleitstoffen (wie etwa gefährlichen Pyrrolizidinalkaloiden) – schwankt massiv je nach Bodenbeschaffenheit, Sonneneinstrahlung und Erntezeitpunkt.

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|              DER WILDBACH VS. DER WASSERHAHN                        |
|   (Warum Isolation und Standardisierung in der Medizin wichtig sind)|
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| [NATURSTOFFGEMISCH / TEE / EXTRAKT] = Der unberechenbare Wildbach   |
|  - Haupt-Wirkstoff A: Mal extrem stark, mal kaum vorhanden.         |
|  - Begleitstoff B: Kann kumulativ die Leber belasten.               |
|  - Begleitstoff C: Kann bei manchen Menschen Allergien auslösen.    |
|  -> Die Dosierung gleicht einem Glücksspiel. Es ist schwer          |
|     vorherzusagen, wie stark die Wirkung am heutigen Tag ausfällt.  |
|                                                                     |
| [ISOLIERTES / SYNTHETISCHES MEDIKAMENT] = Der regulierte Wasserhahn |
|  - 100% reiner Wirkstoff A.                                         |
|  - Exakt dosierbar auf das Milligramm (bzw. Mikrogramm) genau.      |
|  - Exakt bekannte Halbwertszeit (Abbauzeit) im Körper.              |
|  -> Der Arzt kann die Wirkung sicher steuern und präzise auf den    |
|     individuellen Zustand des Patienten anpassen. Keine bösen       |
|     Überraschungen durch Begleitstoffe.                             |
|                                                                     |
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Die vermeintliche "Chemiekeule" ist also oftmals schlichtweg die hochpräzise, berechenbare und von gefährlichen Naturstoffen penibel gereinigte Version dessen, was in der Natur chaotisch und unkontrolliert vorliegt.

5. Auswüchse und Gefahren in der modernen Gesundheitslandschaft

Der Natur-Kult ist in der modernen Gesellschaft tief verankert und bildet das weltanschauliche Fundament vieler – teils sehr bedenklicher – alternativmedizinischer Praktiken und Trends:

  • Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) als Ideologie: Die wissenschaftlich fundierte Phytotherapie hat zweifellos ihren verdienten Platz in der Medizin. Präparate aus Johanniskraut (bei leichten Depressionen) oder Efeu-Extrakte sind gut untersucht. Problematisch wird es jedoch, wenn pflanzliche Präparate rein aus dogmatischen Prinzipien synthetischen Wirkstoffen vorgezogen werden – selbst dann, wenn letztere für die spezifische schwere Erkrankung wirksamer, besser erforscht und weitaus schonender für die kindlichen oder geschwächten Organe wären.
  • Der Mythos von "Detox" und Entgiftung: Die weit verbreitete Vorstellung, der Körper müsse durch spezielle Saftkuren, Tees, Einläufe oder Nahrungsergänzungsmittel ständig von zivilisatorischen „Schlacken“ und Giften gereinigt werden, ist medizinisch gänzlich haltlos. Der menschliche Körper lagert keine „Schlacken“ ab (dies ist ein Begriff aus der Hochofen-Metallurgie). Eine gesunde Niere, eine gesunde Leber und der Darm sind anatomische Hochleistungs-Entgiftungsanlagen, die rund um die Uhr absolut perfekt arbeiten. Die Detox-Industrie zieht jedoch direkte finanzielle Profite aus dem künstlich geschürten Konzept der modernen "Verunreinigung".
  • Impfskepsis und Infektions-Romantik: Ein besonders tragischer und potenziell lebensgefährlicher Auswuchs des Natur-Kults ist die feste Überzeugung, es sei für die Entwicklung des kindlichen Immunsystems „besser“, „stärkender“ und „natürlicher“, eine schwere Infektionskrankheit wie Masern oder Keuchhusten „wild“ durchzumachen, als durch eine künstliche Impfung geschützt zu werden. Hier zeigt sich die blinde und oft grausame Seite der Naturromantik: Das Ignorieren der historischen Tatsache, dass natürliche Infektionen über Jahrtausende hinweg die primäre Todes- und Invaliditätsursache für Kinder weltweit waren.
  • Gefährliche Ernährungstrends (z. B. "Raw Water"): Das Konsumieren von völlig ungefiltertem Wasser aus Bächen oder der Hype um unpasteurisierte Rohmilch wird in bestimmten Kreisen als ultimative Rückkehr zur ursprünglichen, mikrobiellen Lebenskraft gefeiert. Dies geschieht jedoch unter bewusster Ignoranz lebensrettender Errungenschaften der Hygiene. Die Pasteurisierung hat Millionen Menschen vor tödlichen Erregern wie Cholera, Tuberkulosebakterien, Listerien oder E. coli bewahrt.

6. Der psychologische Reiz: Warum wir die Naturromantik so dringend brauchen

Es wäre ein schwerer Fehler, den Natur-Kult lediglich als eine bloße Sammlung rationaler Irrtümer abzutun und ihn nur mit kalter Datenlage bekämpfen zu wollen. Um zu verstehen, warum dieser Kult eine solch gewaltige Anziehungskraft auf kluge und gebildete Menschen ausübt, muss man tief in die Psychologie von kranken, verängstigten Menschen eintauchen.

Warum klammern wir uns so sehr an die Vorstellung der wohlwollenden Natur? In einer Welt, die von extremer Komplexität, atemberaubendem technologischem Wandel, hohem Leistungsdruck und ständiger Reizüberflutung geprägt ist, bietet das Konzept "Natur" ein kostbares, rettendes Gefühl von Überschaubarkeit, Entschleunigung und Geborgenheit.

Besonders im Krankheitsfall geraten Menschen unverschuldet in eine tiefe Krise der Ohnmacht und des Kontrollverlusts. Die moderne Hightech-Medizin rettet jeden Tag unzählige Leben, doch für den Patienten kann sie zutiefst einschüchternd wirken. Moderne Großkliniken sind hochgradig arbeitsteilige Systeme; sie können laut, hektisch, steril und fragmentiert wirken. Behandlungsentscheidungen stützen sich auf summende MRT-Röhren, unpersönliche Statistiken, abstrakte Wahrscheinlichkeiten und molekulare Laborwerte, die für den medizinischen Laien emotional völlig ungreifbar sind. Man hat oft das Gefühl, vom handelnden Subjekt zum zu reparierenden Objekt degradiert zu werden.

Der Natur-Kult bedient hier exakt jene tiefe, höchst verständliche Sehnsucht nach einer Welt, die noch einfach, begreifbar und gut ist. Wenn ein Patient sich bewusst dazu entscheidet, sich intensiv mit Heilkräutern zu befassen, einen Umschlag zu machen oder eine Naturheilpraxis aufzusuchen, in der der Behandler sich viel Zeit für das Gespräch nimmt, geht es längst um weit mehr als um Pharmakologie. Es geht um das essenzielle Gefühl der Selbstwirksamkeit. Der Patient hat das berechtigte Gefühl, die Kontrolle über seinen eigenen Körper und seinen Heilungsprozess ein entscheidendes Stück weit zurückzugewinnen. Er tut aktiv und bewusst etwas Positives für sich, ohne sich komplett in die Hände großer, anonymer und furchteinflößender Apparate begeben zu müssen.

7. Empathie, Respekt und die Zukunft der Gesundheitskommunikation

Es ist aus medizinethischer und didaktischer Sicht von überragender Bedeutung, Patienten, die natürliche Heilmethoden bevorzugen, niemals mit naturwissenschaftlicher Arroganz, Zynismus oder gar Herablassung zu begegnen.

Die Hinwendung zur Naturmedizin ist nahezu nie ein Zeichen von mangelnder Intelligenz. Sie ist sehr oft ein klares Symptom für ein Gesundheitssystem, in dem aus chronischem Zeit- und Kostendruck etwas Existenzielles verloren gegangen ist: Zeit für das offene Gespräch, echte menschliche Zuwendung, das gemeinsame Aushalten von existenzieller Ungewissheit und das Gefühl des Patienten, als ganzer Mensch – mit all seinen biografischen Ängsten und Hoffnungen – gesehen und validiert zu werden.

Die tief sitzende Angst vor den potenziellen Nebenwirkungen starker synthetischer Medikamente ist absolut legitim und zutiefst menschlich. Wer eine aggressive Chemotherapie, eine hochdosierte Cortison-Behandlung oder Psychopharmaka wegen ihrer teils stark belastenden Begleiterscheinungen fürchtet, sucht aus einem vollkommen gesunden und natürlichen Überlebensinstinkt heraus nach einer „sanften“ Alternative. Patienten, die sich der Alternativmedizin zuwenden, wollen sich in der Regel keineswegs selbst schaden – sie versuchen schlichtweg, Autonomie, innere Sicherheit und Hoffnung in einer Situation zu finden, in der sie sich durch die Diagnose geschockt und durch das rasante Tempo der Schulmedizin alleingelassen fühlen.

Dieses berechtigte Bedürfnis nach Sicherheit, körperlicher Unversehrtheit und einer emotional verständlichen Behandlungslogik verdient unseren uneingeschränkten Respekt und unsere tiefste ärztliche Empathie. Wenn gute Aufklärung gelingen soll, muss sie Brücken bauen. Sie muss anerkennen, dass die evidenzbasierte Hightech-Medizin zwar die weitaus besseren, weil wirksameren Werkzeuge hat, dass sie von der Alternativmedizin aber essenziell vieles über die Kunst der menschlichen Zuwendung, über die unschätzbare Bedeutung von Ritualen und über die psychologische Begleitung des komplexen Heilungsprozesses lernen kann.

8. Fazit: Wissenschaftlichkeit und Menschlichkeit vereinen

Der Natur-Kult ist eine zutiefst verständliche, historisch gewachsene psychologische Reaktion auf die Komplexität und Entfremdung der modernen Zivilisation. Als alleinige Richtschnur für harte medizinische und mitunter lebenswichtige Entscheidungen ist er jedoch ungeeignet, da er auf dem romantischen Irrtum basiert, die Natur sei inhärent gut und das Synthetische inhärent schlecht.

Die Einteilung der Welt in „natürlich = immer harmlos“ und „künstlich = immer giftig“ ist ein Mythos, der im Ernstfall fatale Konsequenzen haben kann. Die evidenzbasierte Medizin, die der ethische Goldstandard für höchste Patientensicherheit ist, bewertet Substanzen und Verfahren eben genau nicht nach ihrer ideologischen Herkunft oder ihrem Entstehungsort, sondern ausschließlich nach ihrer objektiv überprüfbaren Wirksamkeit und ihrer Sicherheit für den Menschen.

Eine Pflanze ist nicht harmlos, nur weil sie idyllisch im Wald an der frischen Luft wächst. Und eine lebensrettende Tablette ist nicht schädlich, nur weil sie in einem sterilen Labor nach den höchsten internationalen Sicherheitsstandards synthetisiert wurde. Wahre, ganzheitliche medizinische Weisheit liegt am Ende darin, Wissenschaftlichkeit und Menschlichkeit nicht als Gegensätze zu betrachten, sondern sie zu vereinen: die hocheffektiven, rigoros geprüften Werkzeuge der modernen evidenzbasierten Medizin zu nutzen und sie gleichzeitig mit exakt der Zeit, der ungeteilten Empathie und der warmen Zuwendung zu verbinden, die sich verzweifelte Patienten so sehr von der „Mutter Natur“ erhoffen.

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Quellen & Publikationen

  • Offit, P. A..(2013).Do You Believe in Magic? The Sense and Nonsense of Alternative Medicine.Harper. ISBN: 978-0062222961. Grund für Verlinkung: Die Quelle dient als wissenschaftliche Basis für die im Artikel geäußerte Kritik an alternativmedizinischen Heilversprechen, wie sie etwa im Bereich der Onkologie oder Pädiatrie auftreten. Sie untermauert die Aussage, dass unkritische Hinwendung zu 'natürlichen' Methoden, wie beispielsweise die Ablehnung von Impfungen zugunsten 'wilder' Infektionen, gefährlich sein kann.
  • Hume, David.(1739).Ein Traktat über die menschliche Natur.Meiner. ISBN: 978-3787344406. Grund für Verlinkung: Hume wird im Artikel zur Erklärung und logischen Herleitung des naturalistischen Fehlschlusses herangezogen. Seine Formulierung des 'Sein-Sollen-Problems' untermauert wissenschaftstheoretisch das Argument, dass aus einem natürlichen Ist-Zustand nicht abgeleitet werden darf, was gut oder gesund für den Menschen ist.
  • Levinovitz, Alan.(2020).Natural: How Faith in Natures Goodness Leads to Harmful Fads, Unjust Laws, and Flawed Science.Beacon Press. ISBN: 978-0807010877. Grund für Verlinkung: Dieses Buch wird im Artikel als vertiefende Literatur aufgeführt, um die gesellschaftlichen Auswirkungen des Glaubens an die Güte der Natur zu verdeutlichen. Es belegt die These, dass der naturalistische Fehlschluss zu schädlichen medizinischen und gesellschaftlichen Trends führt, indem er die Naturromantik dekonstruiert.
  • Rousseau, Jean-Jacques.(1762).Émile oder Über die Erziehung (Émile ou De l'éducation).Reclam. ISBN: 978-3150193938. Grund für Verlinkung: Rousseaus Werk wird im Text zitiert, um die philosophiegeschichtlichen Wurzeln des Natur-Kultes im 18. Jahrhundert historisch einzuordnen. Es belegt den Ursprung des Bildes vom 'edlen Wilden' und der Annahme, dass der Mensch von Natur aus gesund und nur die Zivilisation die primäre Quelle seines Leidens sei.

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