Cherry Picking in der Medizin: Rosinenpickerei erklärt
Artikel 10. August 2026

Cherry Picking in der Medizin: Rosinenpickerei erklärt

Cherry Picking (Rosinenpickerei) ist ein logischer Fehlschluss, bei dem selektiv nur positive Daten oder Anekdoten präsentiert und widersprechende Studien ignoriert werden. Der Artikel erklärt die Gefahren in der Pseudomedizin und wie systematische Übersichten (Cochrane) davor schützen.

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Cherry Picking (Rosinenpickerei): Wenn in der Medizin nur die passenden Fakten zählen

In Momenten größter gesundheitlicher Not suchen Menschen instinktiv nach Hoffnung und Gewissheit. Wenn die moderne Medizin ehrliche, aber ernüchternde Wahrscheinlichkeiten kommuniziert, wirken alternative Heilsversprechen, die scheinbar auf unumstößlichen "Beweisen" fußen, wie ein rettender Anker. Doch nicht jeder Beweis hält einer objektiven Prüfung stand.

Dieser Artikel beleuchtet auf verständliche und respektvolle Weise, wie die gezielte Auswahl von Informationen unser Bild der Realität verzerren kann, warum unser Gehirn so anfällig dafür ist und wie Betroffene sich vor irreführenden Versprechungen schützen können.

1. Was bedeutet Cherry Picking? Definition und Funktionsweise

Der englische Begriff "Cherry Picking" (zu Deutsch: Rosinenpickerei) beschreibt einen logischen Fehlschluss und eine weit verbreitete Argumentationstechnik. Dabei werden aus einer riesigen Menge an verfügbaren Informationen gezielt nur jene Daten, Fakten, Studien oder Zitate ausgewählt, die eine vorgefasste Meinung oder These stützen. Alle anderen Beweise, die der eigenen Behauptung widersprechen, sie relativieren oder gar widerlegen, werden systematisch ignoriert, verschwiegen oder als ungültig abgetan.

In der Wissenschaftstheorie und Logik spricht man hierbei von der Fallacy of Incomplete Evidence (Fehlschluss der unvollständigen Beweisführung).

Die Metapher der Obsternte

Um diesen Mechanismus zu verstehen, hilft eine einfache bildliche Vorstellung:

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|               DER KIRSCHBAUM                      |
|       (Die Gesamtheit aller Daten/Studien)        |
|                                                   |
|        [R] = Reife, perfekte Kirschen (5%)        |
|        [U] = Unreife, grüne Kirschen (35%)        |
|        [F] = Faule, wurmige Kirschen (60%)        |
|                                                   |
|         /       |       \       |       \         |
|       [F]      [U]     [R]     [F]     [F]        |
|        | \      |      /       / \      |         |
|       [U][F]   [R]   [F]     [U] [R]   [F]        |
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                           |
                     CHERRY PICKER 
               (Sucht selektiv nur nach [R])
                           |
                           V
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|                  DER OBSTKORB                     |
|         (Die Präsentation für den Patienten)      |
|                                                   |
|                   [R] [R] [R]                     |
|                                                   |
|  Fazit: "Seht her, dieser Baum trägt              |
|          ausschließlich makellose Früchte!"       |
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Wer bei der Obsternte nur die reifsten, glänzendsten Kirschen pflückt und diese einem Käufer präsentiert, erweckt unweigerlich den Eindruck, der gesamte Baum trage ausschließlich derart makellose Früchte. Der Betrachter sieht die fauligen oder unreifen Früchte nicht, die bewusst am Baum belassen wurden. Das Bild, das durch das Cherry Picking entsteht, ist in sich schlüssig, aber es repräsentiert nicht die Wahrheit über den Zustand des Baumes.

Die Puzzle-Metapher

Ein weiteres didaktisch starkes Bild ist das eines 1000-Teile-Puzzles, das eigentlich eine komplexe Landschaft mit Bergen, Wäldern und einem kleinen See zeigt. Wenn jemand systematisch nur die 150 blauen Teile heraussucht, sie zusammensetzt und präsentiert, könnte er glaubhaft behaupten: "Seht her, das Bild zeigt offensichtlich einen Ozean!" Erst wenn man die restlichen 850 Teile hinzulegt, erkennt man das wahre, vielschichtigere Motiv.

2. Die Abgrenzung: Bestätigungsfehler vs. Cherry Picking

Die Begriffe "Cherry Picking" und "Bestätigungsfehler" (Confirmation Bias) sind eng verwandt, unterscheiden sich aber in einem wesentlichen Punkt:

Der Bestätigungsfehler beschreibt einen unbewussten kognitiven Zustand. Es ist die natürliche Neigung unseres Gehirns, Informationen so zu filtern und zu interpretieren, dass sie unsere bereits bestehenden Glaubenssätze bestätigen.

Cherry Picking hingegen ist die aktive, oft bewusste Manifestation dieses Fehlers in der Kommunikation. Es ist eine strategische Handlung, bei der eine Person (beispielsweise ein Anbieter von Alternativmedizin) gezielt Informationen auswählt, um ein Publikum von einer These zu überzeugen. Es untergräbt das absolute Fundament der wissenschaftlichen Methode: das Streben nach objektiver Wahrheit durch Falsifikation (der Versuch, eigene Thesen anhand aller verfügbaren Daten kritisch zu hinterfragen).

3. Einordnung im medizinischen Kontext: Wie Statistiken verzerrt werden

In der Medizin und Gesundheitskommunikation sind die Auswirkungen von Cherry Picking besonders weitreichend. Die medizinische Wissenschaft publiziert jedes Jahr Hunderttausende von Forschungsarbeiten. Bei dieser massiven Menge an Daten entsteht zwangsläufig ein gewisses statistisches "Rauschen".

Das Prinzip der statistischen Wahrscheinlichkeit

Um die Entstehung dieses Rauschens zu verstehen, hilft folgendes Szenario: Angenommen, 100 völlig unabhängige Forschergruppen testen die Wirkung einer gänzlich nutzlosen, zuckerbasierten Substanz auf die Heilung von Erkältungen. In der empirischen Wissenschaft wird üblicherweise eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 % akzeptiert (der sogenannte p-Wert: p < 0,05).

Das bedeutet in der Praxis: Selbst wenn die Substanz absolut keine physiologische Wirkung hat, werden rein mathematisch etwa 5 dieser 100 Studien fälschlicherweise ein positives Ergebnis liefern – einfach durch zufällige Besonderheiten in der spezifischen Testgruppe. Die restlichen 95 Studien werden korrekterweise zeigen, dass die Substanz wirkungslos ist.

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|        100 KLINISCHE STUDIEN ZU SUBSTANZ X        |
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|                                                   |
|  [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ]  |
|  [ - ] [ - ] [ + ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ]  |
|  [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ + ] [ - ]  |
|  [ - ] [ + ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ]  |
|  [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ + ] [ - ] [ - ] [ - ]  |
|  [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ - ] [ + ]  |
|  (Restliche Studien sind ebenfalls negativ)       |
|                                                   |
|   Legende:                                        |
|   [ - ] = Keine Wirkung (95 Studien = Realität)   |
|   [ + ] = Wirkung (5 Studien = Statist. Zufall)   |
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Wer nun Rosinenpickerei betreibt, ignoriert die 95 negativen Studien vollkommen. Er schreibt stattdessen ein Buch oder dreht ein emotionales Werbevideo, in dem er ausschließlich die 5 positiven Studien zitiert. Für den Patienten sieht die Beweislage scheinbar erdrückend aus: "Fünf wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit!" Dass dies jedoch nur 5 % der Gesamtwahrheit sind, bleibt geschickt im Verborgenen.

4. Die evolutionären und psychologischen Wurzeln

Warum ist der Mensch so anfällig für diese Form der verzerrten Wahrnehmung, und warum entlarven wir das Cherry Picking so selten intuitiv? Die Antworten liegen in unserer evolutionären Vergangenheit und psychologischen Schutzbedürfnissen.

Die Architektur unseres Denkens

Der Nobelpreisträger Daniel Kahneman beschreibt in seinem Meisterwerk Schnelles Denken, langsames Denken zwei fundamental verschiedene Systeme der Informationsverarbeitung in unserem Gehirn:

  • System 1 arbeitet blitzschnell, automatisch, intuitiv und emotional. Es sucht permanent nach einfachen Kausalzusammenhängen und Mustern.
  • System 2 ist langsam, analytisch, rational und benötigt immens viel kognitive Energie (Glukose) und bewusste Anstrengung, um komplexe Sachverhalte objektiv zu bewerten.

Für das Überleben unserer Vorfahren in freier Wildbahn war System 1 überlebenswichtig. Wer ein Rascheln im Busch hörte, musste sofort flüchten (Muster: Rascheln = Raubtier = Gefahr). Die Fähigkeit, eine saubere statistische Wahrscheinlichkeitsberechnung über Windböen durchzuführen, bot evolutionär keinen Überlebensvorteil. Das menschliche Gehirn ist darauf optimiert, schnelle Schlussfolgerungen aus sehr wenigen, stark emotional aufgeladenen Einzelbeobachtungen (sogenannten Anekdoten) zu ziehen. Objektive Statistik ist für uns intuitiv zutiefst unnatürlich.

Kognitive Dissonanz als Bewältigungsstrategie

Zusätzlich greift hier das Konzept der kognitiven Dissonanz nach dem Psychologen Leon Festinger. Menschen streben unbewusst nach innerer Konsistenz. Wenn neue Informationen unseren tiefen Hoffnungen oder festen Glaubenssätzen widersprechen, verursacht das psychologischen Schmerz (die Dissonanz).

Um diesen Schmerz abzubauen, greift das Gehirn zum Cherry Picking: Es blendet die widersprüchlichen, bedrohlichen Daten aus und klammert sich an die wenigen bestätigenden Informationen. So schützen wir unser Weltbild und bewahren ein Gefühl der intellektuellen Sicherheit. In existenziellen Krisen ist Cherry Picking also keine "Dummheit", sondern ein hocheffizienter Schutzmechanismus des Verstandes zur Stressvermeidung.

5. Wie Pseudomedizin diesen Fehler ausnutzt

In der Welt der Pseudomedizin, der Esoterik und der unseriösen Gesundheitsversprechen ist Cherry Picking nicht bloß ein Irrtum, sondern oft das strategische Fundament des Geschäftsmodells. Die Methoden sind subtil und hochwirksam:

Die Illusion der Anekdoten (Testimonials)

Der weitaus häufigste Trick ist das Präsentieren von "Wunderheilungen". Auf der Website eines Anbieters finden sich zehn hochemotionale Videos von Menschen, die glaubhaft versichern, Methode X habe sie von einer schweren chronischen Krankheit befreit. Diese zehn Personen sind die gezielten "Rosinen". Dass im gleichen Zeitraum 1.000 andere Patienten viel Geld bezahlten, ohne dass sich ihr Zustand verbesserte (oder sich gar verschlechterte), wird verschwiegen. Unser intuitives System 1 ist diesen Anekdoten hilflos ausgeliefert: Ein echtes, menschliches Gesicht in einem Video wirkt auf uns ungleich überzeugender als ein nüchternes Balkendiagramm.

Der Sprung von der Petrischale zum Menschen (In-Vitro zu In-Vivo)

Oft wird lautstark behauptet, ein exotischer Pflanzenextrakt "töte Krebszellen ab" – gestützt auf eine scheinbar echte, publizierte Studie. Ein Blick in die Studie offenbart den Trick: Es handelt sich um ein Experiment in der Petrischale (In-Vitro), bei dem isolierte Krebszellen mit dem Extrakt übergossen wurden. Das ist massive Rosinenpickerei in der Evidenzlandschaft. Zehntausende Substanzen vernichten Zellen in der Petrischale – von Zitronensaft bis hin zu Bleichmittel. Das ist jedoch absolut kein Beweis dafür, dass die Einnahme der Substanz im menschlichen Organismus wirkt, da sie erst die Magensäure, den Lebermetabolismus und unzählige biologische Schranken überwinden muss. Die klinischen Studien, die dieses Scheitern am Menschen belegen, werden beim Cherry Picking konsequent aussortiert.

"Science-Washing"

Pseudomedizinische Anbieter schmücken ihre Publikationen oft mit endlosen Literaturverzeichnissen. Sie wissen, dass 99 Prozent der Patienten diese Quellen niemals im Original lesen werden. Die reine visuelle Präsenz von "Wissenschaft" simuliert Legitimität (Science-Washing). Prüft man diese zitierten Studien, offenbart sich das Ausmaß der Rosinenpickerei: Die Studien haben entweder nichts mit der behaupteten Indikation zu tun, weisen gravierende methodische Mängel auf, oder – und das geschieht erschreckend oft – sie belegen im Fazit exakt das Gegenteil der aufgestellten Werbebehauptung.

Verschwörungsmythen gegen die Evidenz

Wenn die überwältigende Mehrheit der Forschung gegen eine alternative Methode spricht, greifen deren Vertreter oft zum Narrativ der Verschwörung. Die unzähligen negativen Studien seien "von der Pharmalobby manipuliert" und man dürfe ihnen ohnehin nicht trauen. Nur jene eine, kleine, positive Studie sei die Arbeit eines unabhängigen Geistes. Das Cherry Picking wird so rhetorisch immunisiert und zum heldenhaften Widerstandskampf verklärt.

6. Empathie & Respekt: Die Perspektive der Betroffenen verstehen (YMYL)

Themen, die direkte Auswirkungen auf die Gesundheit oder das Vermögen von Menschen haben, bezeichnet man oft als Your Money or Your Life (YMYL)-Themen. Sie verlangen von allen Beteiligten das allerhöchste Maß an Empathie, Respekt und Sensibilität.

Wer einen medizinischen Laien, der dem Cherry Picking verfallen ist, als "naiv", "irrational" oder "leichtgläubig" verspottet, verkennt die tiefe psychologische Not, aus der heraus solche Entscheidungen getroffen werden.

Die Konfrontation mit einer lebensverändernden, chronischen oder gar potenziell tödlichen Diagnose ist eine extreme traumatische Erfahrung. Sie reißt Betroffene aus ihrem Alltag und löst tiefe existentielle Ängste sowie das Gefühl völligen Kontrollverlusts aus. Die evidenzbasierte Schulmedizin ist ein Segen der Menschheit, aber ihre Sprache ist oftmals nüchtern, zeiteffizient und arbeitet mit schwer fassbaren Wahrscheinlichkeiten. Ein ehrlicher Arzt sagt vielleicht: "Mit dieser Therapie haben wir eine 40-prozentige Chance, das Fortschreiten der Krankheit in den nächsten drei Jahren aufzuhalten, müssen jedoch mit diesen konkreten Nebenwirkungen rechnen."

In genau diese empfindliche Lücke aus Angst, Ohnmacht und dem Wunsch nach Gewissheit treten dann Anbieter, die scheinbar unerschütterliche Sicherheit ausstrahlen. Sie versprechen: "Hier sind zehn Menschen mit genau Ihrer Diagnose. Sie alle sind durch meine Methode völlig genesen. Es gibt keine Nebenwirkungen. Vertrauen Sie mir!"

Dass der Anbieter die Hunderten erfolglosen Fälle verschweigt, weiß der Betroffene nicht. Sein Gehirn, im Ausnahmezustand und Überlebensmodus, greift nach diesen positiven "Rosinen" wie ein Ertrinkender nach einem Rettungsring. Dies ist kein Zeichen von Unwissenheit, sondern eine zutiefst menschliche Bewältigungsstrategie.

Unsere Aufgabe in der Gesundheitskommunikation darf es daher niemals sein, den Patienten für seine Verzweiflung zu verurteilen. Wir müssen mit großem Respekt an die Seite der Betroffenen treten und die manipulativen Methoden jener Anbieter entlarven, die aus der emotionalen Notlage durch gezieltes Cherry Picking Profit schlagen.

7. Die Gefahren für den Patienten

Die Konsequenzen des Cherry Pickings sind keine rein akademischen Debatten – sie können im Ernstfall tödlich sein.

  1. Verzögerung oder Abbruch lebensrettender Therapien: Die mit Abstand größte Gefahr besteht darin, dass Patienten aufgrund von selektiv ausgewählten, euphorischen Erfahrungsberichten beschließen, eine nachweislich wirksame, aber belastende schulmedizinische Therapie (wie Chemo- oder Strahlentherapie, Immunmodulatoren, Insulin) abzulehnen. Wenn das kritische Zeitfenster verstreicht, ist der Schaden oft irreparabel.
  2. Finanzieller Ruin: Anbieter dubioser "Alternativkliniken", die teure Behandlungen im In- und Ausland anbieten, schönen ihre Statistiken oft massiv durch Selektionsbias und Cherry Picking. Betroffenen werden nur die Erfolge präsentiert, wodurch Familien nicht selten ihre gesamten Ersparnisse für wirkungslose Therapien aufbrauchen.
  3. Tiefe psychologische Wunden: Wenn ein Patient eine teure, als Wundermittel angepriesene Therapie durchführt und die Heilung ausbleibt, folgen oft tiefe Depressionen. Da durch die selektive Informationsvermittlung vorgegaukelt wurde, die Methode wirke "bei fast allen anderen", suchen die Patienten die Schuld fatalerweise bei sich selbst: "Ich habe nicht fest genug daran geglaubt" oder "Ich habe die Diät nicht streng genug eingehalten". Diese toxischen Selbstvorwürfe sind eine unfassbare zusätzliche Belastung am Ende eines Leidensweges.

8. Fazit und Gegenmaßnahmen: Das Gesamtbild erkennen (Cognitive De-Biasing)

Wie können wir unser Denken schulen und uns gegen die Verführung der Rosinenpickerei wehren? Dieser Prozess der "kognitiven Entzerrung" (Cognitive De-Biasing) erfordert die bewusste Aktivierung unseres rationalen System-2-Denkens und das Verinnerlichen einiger grundlegender Prinzipien:

  • Die Frage nach dem Nenner stellen: Wenn Ihnen jemand stolz von fünf spektakulären Heilerfolgen berichtet, fragen Sie sofort: "Aus wie vielen Behandlungen insgesamt?" Fünf von fünf ist ein historischer medizinischer Durchbruch. Fünf von zehntausend ist rein statistisches Rauschen, Spontanremission oder Zufall. Erfolgsberichte ohne die Benennung der Misserfolge sind für medizinische Entscheidungen wertlos.
  • Die Pyramide der Evidenz respektieren: Nicht jeder Beweis ist gleich viel wert. Ein einzelner Erfahrungsbericht steht ganz unten in der Aussagekraft. Darüber kommen Petrischalen- und Tierversuche. Hochwertig sind große, "randomisierte, kontrollierte Doppelblindstudien" (RCTs). Bauen Sie lebenswichtige Entscheidungen niemals auf das Fundament der unteren Ebenen.
  • Das ultimative Gegenmittel - Meta-Analysen: Das wirksamste Instrument gegen Cherry Picking ist der Systematic Review (die systematische Übersichtsarbeit) und die Meta-Analyse, wie sie beispielsweise von der renommierten, völlig unabhängigen Cochrane Collaboration durchgeführt werden. Hier durchforsten Wissenschaftler systematisch sämtliche weltweit verfügbaren Studien zu einer Therapie. Methodisch mangelhafte Daten werden aussortiert, die verbleibenden werden statistisch kombiniert. Eine Meta-Analyse zwingt uns, den gesamten Baum mit all seinen gesunden und faulen Früchten zu betrachten. Sie markiert das Ende jeglicher Rosinenpickerei.
  • Die aktive Suche nach Falsifikation: Wenn Sie stark geneigt sind, an eine bestimmte vielversprechende Therapie zu glauben, googeln Sie nicht nach "Warum hilft Mittel X?". Unser Gehirn wird genau die Rosinen finden, die es sucht. Suchen Sie ganz gezielt nach "Risiken von Mittel X", "Kritik an Mittel X" oder "Warum Mittel X nicht funktioniert". Eine wirklich robuste, wirksame Therapie hält kritischen Betrachtungen problemlos stand.
  • Vertrauen auf den Konsens, nicht auf den Guru: Die medizinische Wahrheit findet sich in der modernen Welt extrem selten bei einem einzelnen, lauten Heilsbringer, der behauptet, gegen den Strom zu schwimmen. Suchen Sie nach dem wissenschaftlichen Konsens. Dieser findet sich in den offiziellen medizinischen Leitlinien (z. B. der AWMF in Deutschland) oder bei großen, seriösen Fachgesellschaften.

Indem wir die Fehlbarkeit und die Sehnsüchte unseres eigenen Gehirns akzeptieren, verlieren wir unsere Leichtgläubigkeit. Die Abkehr von der trügerischen Rosinenpickerei hin zur Betrachtung der gesamten, manchmal komplexen Realität ist der wichtigste und mutigste Schritt, um als informierter, mündiger Patient die bestmöglichen Entscheidungen für die eigene Gesundheit zu treffen.

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Quellen & Publikationen

  • Leon Festinger.(1957).A Theory of Cognitive Dissonance.Stanford University Press. DOI: 10.1515/9781503620766. ISBN: 9780804709118. Grund für Verlinkung: Wird in Abschnitt 4.2 namentlich erwähnt, um das Konzept der 'kognitiven Dissonanz' einzuführen. Die Quelle belegt, dass Menschen unterbewusst widersprüchliche Informationen ignorieren (Cherry Picking), um psychologischen Schmerz abzubauen und ihr Weltbild zu schützen.
  • B. Goldacre.(2009).Bad Science: Quacks, Hacks, and Big Pharma Flacks.Fourth Estate. ISBN: 9780007284870. Grund für Verlinkung: Wird zitiert, um die Mechanismen von 'Science-Washing' und die Verzerrung von Studiendaten in der Pseudomedizin (Abschnitt 5) wissenschaftlich zu belegen. Das Buch zeigt detailliert, wie Anbieter gezielt Rosinenpickerei betreiben, um unwirksame Methoden zu bewerben.
  • J. P. T. Higgins, et al..(2019).Cochrane Handbook for Systematic Reviews of Interventions.John Wiley & Sons. DOI: 10.1002/9781119536604. ISBN: 9781119536604. Grund für Verlinkung: Die Cochrane Collaboration und ihre Meta-Analysen werden in Abschnitt 8 explizit als das wirksamste Instrument gegen Rosinenpickerei genannt. Das Handbuch belegt den Goldstandard der Evidenzprüfung und wie man durch systematische Übersichtsarbeiten Selektionsbias verhindert.
  • D. Kahneman.(2011).Thinking, Fast and Slow.Farrar, Straus and Giroux. ISBN: 9780374275631. Grund für Verlinkung: Dieser Autor und sein Konzept von System 1 (schnell, intuitiv) und System 2 (langsam, analytisch) werden in Abschnitt 4.1 explizit genannt. Das Buch belegt die Aussage, dass das menschliche Gehirn evolutionär auf schnelle Mustererkennung ausgelegt ist und intuitive Anekdoten gegenüber objektiver Statistik bevorzugt.
  • Edzard Ernst, Simon Singh.(2008).Trick or Treatment: The Undeniable Facts about Alternative Medicine.W. W. Norton & Company. ISBN: 9780393066616. Grund für Verlinkung: Belegt die Aussagen in Abschnitt 5 und 7 zu den Praktiken und Gefahren der Pseudomedizin. Das Buch liefert die wissenschaftliche Grundlage, warum viele alternative Heilversprechen bei ganzheitlicher Evidenzbetrachtung scheitern, selbst wenn einzelne Anekdoten (Rosinen) Positives berichten.
  • J. P. A. Ioannidis.(2005).Why Most Published Research Findings Are False.PLOS Medicine. DOI: 10.1371/journal.pmed.0020124. PMID: 16060722. Grund für Verlinkung: Belegt die Aussagen in Abschnitt 3 zur statistischen Wahrscheinlichkeit und falsch-positiven Ergebnissen (p < 0,05). Die Publikation erklärt fundiert, warum in großen Datenmengen zwangsläufig Studien eine Wirkung zeigen, auch wenn die Substanz nutzlos ist, was die Grundlage für wissenschaftliches Cherry Picking bildet.

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